6 Geflügelschenkel für Helga

Eine voyeuristische Anekdote ohne literarischen Wert.

Heute ging es mir wie Vielen: die Vorräte waren leer, leere Bierflaschen wollten weggebracht werden und seit 2,5 Tagen waren die Läden geschlossen, ein unerträglicher Zustand, schnell abhelfen !

Schon kurz nach 9 Uhr ging ich deshalb in den nächstgelegenen Supermarkt (wer viel schleppen muss, kann nicht mehr wunder-wohin) und verhielt mich super-pädagogisch mit der mitgenommenen, nun 4jährigen Tochter.

  • Laufen, kein Buggy
  • Kinderschiebe-Einkaufswagen (der mit der Fahne für die Eltern) statt Riesenwagen zum Drinsitzen
  • alles erklärt und Mitentscheiden lassen und
  • an der Kasse vom Süßwarenregal abgelenkt durch energisches Auffordern, mir beim Aufs-Band-Packen zu helfen

Jetzt kommt Helga ins Spiel.

ich grübelte gerade, ob es angebracht sei, dem Kind beim Hochhieven des 2,5kg Kartoffelsackes zu helfen, da begann ein Gespräch zwischen Kind und der danebenstehenden Frau:

„Kartoffeln?!“

– „oh, Kartoffeln?!“

–> „wie heißt du?“   (meine Tochter ist jetzt nicht mehr so verschüchtert, sondern glaubt, jeden zu kennen, sobald einige Eckdaten bekannt sind; quasi die aktuelle Masche)

– „Helga.“

-„wiieee?“

– „Helga.“

– „das is abern komischer Name.“

– „das denke ich auch schon 70 Jahre lang.“

-„ich bin erst 4 Jahre und heiße [alle 3 Vornamen genannt].“

Dann standen wir auch schon vor der Kassiererin, doch ich hatte kurz noch Zeit, Helga und ihre Einkäufe zu sondieren.

In diesen kurzen Minuten lernt man sehr viel über Mitmenschen, zumal wenn man sie eh mitunter durchs Viertel spazieren sieht, fügen sich in meinem Kopf Puzzleteilchen zusammen und..

Helga: 1,50m, kastig, graues, langes Haar, aufgedunsenes Mondgesicht ungeschminkt, unspektakuläre Schlabberklamotten, stets allein zu sehen

der Einkauf: bestand hauptsächlich aus 6 Geflügelschenkeln Marke „2Wochen alte rapide gemästete ungesunde gequälte Viecher“ und 3 Korn der Marke „Billigflachmann nahe der Kasse“

Schon sah ich vor meinem geistigen Auge wie diese Frau allein in ihrem Plattenbaubüdchen sitzt und den Vogelbeinen beim Kochen zusieht, 1 Schnäpschen beim Kochen, einer beim Essen und einer, um den Fraß im Magen zu umspülen.

Gott bewahre !

Ob die gegenteiligen 70-jährigen besser sind, die mit den modernsten Brillen, kecksten Frisuren, plüschigsten Hunden und top Englischkenntnissen ? Oder trinken diese nur den teureren Fussel versteckter ?

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  1. Ja irgendwie traurig aber irgendwie sympathischer die Helga als 70jährige mit modernen Brillen, kecken Frisuren, plüschigen Hunden und Top Englischkenntnissen. Ich glaube die haben noch eine größere Leiche im Keller.

    • flaschengruen
    • 1. April 2012

    Ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, oder wo ihr so rumlauft… aber ich kenne mehrere Rentner, die keinen Alkohol saufen (nur zu Festen, wie jeder andere alkoholverdorbene Normalo auch), sich nicht gehen lassen, vernünftig ernähren, Familien haben, sich so weit wie möglich weiterbilden… Letzteres zugegebenermaßen nur bei einigen.
    Aber Helga ist wohl doch, was Lebensumstände und -art angeht, ein Negativbeispiel.

  2. Diese „mehreren Rentner“, haben die kleine Hunde und moderne Kurzhaarfrisuren ? — will sagen: dazwischen gibt es tatsächlich nur wenige. Solche, die weder krampfhaft agil bleiben wollen, noch trostlos wirken.

  1. 22. Januar 2012

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