Kasper und andere Plattenbaugestalten

Puh, hinter mir liegt wieder so ein Tag, wie man ihn sich als kinderloser Single gar nicht ausmalen kann.

Zum Glück beobachte ich sehr gern andere Menschen und Tiere. Deswegen lese ich auch gern entsprechende Blogs 😉

Im hiesigen Wohngebiet gibt es auch oft viel zu sehen, Plattenbau-Menschenstapelung sei dank.  Hier kann ich fast jeden Tag noch Menschen entdecken, die noch schlechter gestylt sind als ich, die schlechtere Mutter zu sein scheinen oder einfach insgesamt irgendwie abgewrackter sind. Es mag gemein sein, aber diese Entdeckungen beruhigen mich oft.

Manchmal wühlen sie mich aber auch auf.  Naja, es braucht zugegebenermaßem nicht viel, um hochsensible Personen aufzuwühlen.


Heute nun trafen wir wieder Jimmy und Trudy auf dem Spielplatz – sie waren dort abgestellt aus dem wohl gleichen Grund, warum auch wir wochenends oft planlos die Wohnung verlassen: die Eltern halten das Gewusel und Geschrei in der Wohnung nicht mehr aus, sind aber zu erschöpft um einen Besuch bei Bekannten zu machen und es erbarmt sich auch kein Bekannter, einen zu besuchen.

Jimmy mag so 7-8 Jahre sein, seine Schwester irgendwo zwischen 4 und 6. Sie wohnen im Block hinter der Spielwiese („Wäschetrockenplatz. Hunde verboten“- yeaaah) und werden anscheinend gern mal in gesundem (?) Gottvertrauen allein aus der Wohnung auf die Wiese geschickt. Dort klettern sie dann auf abgestellten Motorrädern, brechen in Tränen aus, klammern sich an Passanten, klettern gefährlich hoch auf Bäume oder sind mitunter auch höflich zu den Anwesenden.

Ich war dennoch sehr unentspannt in Betrachtung der schuhlosen Strumpfhosenbeine von Trudy und der Überlegung, ob es sich um Vernachlässigung Schutzbefohlener handelt oder ob ich nur übertriebene Gedanken hege.

Dass es langsam 16 Uhr wurde, war eine Erleichterung für mich, denn für 16.30 Uhr war die Kasperlevorstellung ausplakatiert. Das Theaterzelt war auf einem seltsamen Platz zwischen Tankstelle und Autowaschplatz aufgebaut, vielleicht war die Miete dort günstig. Der Eintritt betrug dennoch 6 euro pro Nase, egal welchen Alters.

Nun muss man sagen, dass ich den Kasper noch nie gemocht habe, jedenfalls soweit ich mich erinnern kann. Kann diesen selbstgerechten, stets verkrampft fröhlichen Gesellen einfach nicht ausstehen. Puppenspiel, Marionetten u.ä. können mitunter ganz poetisch sein, aber nicht, wenn so ein Zipfelhannes alle Nase lang „tritratralla“ brüllt und das Publikum zum Rufen animiert.

So sahen das anscheinend auch die jüngsten Zuschauer und heulten besonders oft dann, wenn „tritrallala“ mit kehliger Männerstimme gesungen wurde. Ich fühlte mich bestätigt in meiner bisherigen Auffassung, dass Kinder unter 2,5 Jahren nicht in Zirkuszelte und dergleichen gehören. (Es sei denn, sie sind taub oder besonders phlegmatisch.)

Für mich und die größere Tochter (im besten Kasper-Alter) wurde dann auch alles geboten, was man von solchen Veranstaltungen erwarten kann. Nur den kollektiven Schrecken, als der Wolf (in Gestalt einer Schäferhund-Figur) plötzlich und tatsächlich auftauchte, den hatte ich nicht einberechnet. Derart zuammengezuckt bin ich zuletzt als 12-jährige, mit Mudders im Kino bei „Independence day“, wo ein Oktopus-Alien spontan auftauchte.

Ansonsten ertrug ich tapfer Kinderpartylieder, den Pinocchiosong, die hanebüchenen Chirurgieszenen des Rotkäppchen-Märchens und wehrte Wünsche alà  „ich brauche eine zweite Zuckerwatte“ ab, zu deren Entstehung extra eine Pause nach 30min. Vorstellung eingebaut war. Der Kasper-Sprecher bot nämlich auch Capri-Sonnen, Zuckerwatten und „bunte Leucht-Feenhaare mit Prinzessin dran-Stäbe“ an.

Kurzum: mein Adrenalin-Spiegel war schon ziemlich hoch, als am Ende noch eine Überraschung angekündigt wurde, die „größte Puppe Europas, Puppe Goliath“. Das passte nicht ins Sujet und war ein verwirrender Bruch fürs Publikum. Im Anblick der „Puppe“ schmolzen jedoch die Herzen, denn es handelte sich um einen abgebrühten Wonneproppen mit roter Schleife (oder Rentierplastegeweih) auf dem Kopf.

Solchermaßen aufgekratzt, entdeckte ich auf dem Heimweg einen Pudel in Abfahrtshocke. Der Hund übte also auf einer schönen, theoretisch zum Flanieren einladenden, Wiese Skispringen. Die dazugehörige Seniorin machte keine Anstalten, ihrer Bürgerpflicht nachzukommen und das Exkrement einzusammeln, daher lief ich neben ihr her und erzählte meiner Tochter: „Da, dieser Hund hat auf die Wiese gekackt. Morgen treten wir rein. Scheiße am Schuh ist ja nicht so toll. Es gibt ja auch Leute, die die Kacke in Tüten packen. Leider machen das nur manche.“

Obwohl ich einen Meter neben ihr lief und sehr laut sprach, reagiert sie nicht merklich. Ist vielleicht auch besser, denn im direkten Schlagabtausch bin ich stets sehr unsouverän und rhetorisch unterlegen.

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  1. Alles in allem also ein aufregendes Wochenende gehabt… 🙂

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