Internet ist wie Kaffee – Gedanken aus der Offline-Phase

(Am 3.6.2011 verweigerte das Internet mir die Nutzung und ich tippte folgende Gedanken in ein Textdokument: Gegen 13 Uhr-gestern)

Das musste ja mal wieder passieren, es ging schon zu lange alles gut mit der Leitung. Diese komplexe Internettechnik ist im Grunde sehr fragil.

Dennoch war es so selbstverständlich geworden, nach den ersten Erledigungen des Tages erstmal ins Netz zu gucken… – vor Monaten las ich in irgendeiner Zeitschrift einen Artikel, in dem im Wesentlichen das beschrieben wurde, was mich nun auch ereilt, und dachte:: „wie erbärmlich, so süchtig nach dem Web 2.0 zu sein“.

Wie die Dame in dem Artikel, so musste auch ich mir mühevoll klar machen, dass es auch noch andere schöne Beschäftigungen gibt, wenn auch die meisten nicht so nebenbei zu machen sind. (Das schätze ich ja u.a. am Computerkram: es liegt nichts angefangen im Weg rum, die Handlung wartet geduldig, bis der Nutzer weitermachen möchte.)

Nun ist es schon einige Stunden her, dass ich ernüchtert feststellte, dass alle Kabel richtig sitzen, aber die DSL-Leuchte am Modem nichts sagt. Auch mein Telefonat mit der Telekom ist bereits 2h her. Jetzt bemerke ich, dass ich vielleicht hätte fragen können, wie lange das denn dauern würde, was der Kollege da vorhabe. Stattdessen murmelte ich nur zur Kundenberaterin. „Mit der Leitung haut also was nicht hin und ich werde zurückgerufen, ja?“

Mich beschleicht das Gefühl, dass das vor Montag nichts mehr wird. Ich überlege, in der Bibliothek online zu gehen, nur mal kurz.. Mein Freund beschimpft mich als Internetjunkie; ich habe noch einen Stapel Spiele (denn als Daddelfreak werde ich auch nicht grundlos bezeichnet) ungespielt rumzuliegen, aber sie reizen mich alle nicht. Lauter halbherzige Städtebau- oder Wirtschaftssimulationen.. und zwei Europa-Universalis-Teile…

Aber soviel Zeit und Ruhe habe ich nun auch nicht übrig, denn ich wohne ja nicht allein. Ich suche eigentlich mehr sowas Interaktives, was kurz Schwung in den Tag bringt… wie ein Kaffee eben, wie meine zweite Sucht, nur wesentlich bunter.

Darum sollte ich vielleicht als Bunt-Kaffee-Ersatz ins Center um die Ecke gehen und mir ein modernes Kaffeemixgetränk für teures Geld reinziehen, während das Kind mit dort ausgelegten Schaumstoffbausteinen spielt… hm.. mal davon abgesehen, dass das Kind nicht mit Bausteinen spielt, sondern draufklettert oder drüberstolpert (d.h.: mein Käffchen und ich müssten permanent alarmiert daneben stehen), bekomme ich ein schlechtes Gewissen bei der Vorstellung, Starbucks zu unterstützen. Obwohl ich gern im Shoppingcenter bin und Schaufenster und Menschen anglotze, das ist kein Gewissensproblem per se. Es wird nur immer schwierig im Hirn, wenn ich dort Geld ausgebe, dann frage ich mich oft, ob nicht eine unterstützenswertere Kaufeinrichtung zur Verfügung gestanden hätte.

Es gibt aber kein anständiges Café im Viertel, nur so verirrte Bäcker- oder Imbissstühle, wo der Aufenthalt unentspannend ist, weil die vielbefahrene Straße direkt davor ist oder nur Suffis mit drin sind.

Nach so viel Jammern sollte ich jetzt lieber die positiven Auswirkungen des unfreiwilligen Internetverzichts ausführen :

So habe ich einige Ecken meines Zimmers inspiziert, in denen mich zwar vorwiegend Krempel demotivierte, der zu sagen schien: „Fass mich nicht an, mich aufzuräumen dauernd viel zu lang.“, aber 3 Teile lagen relativ frei und entkamen mir nicht:

  • Kalenderblätter mit Feenmotiven. Ein Geburtstagsgeschenk. Endlich mal ausgeschnitten und bewertet (und ab damit auf den nächsten Haufen, den mit den potentiellen Dekorationen)
  • eine Dose mit Kunstgranulat und Basilikumsamen. Ein weiteres Geschenk gewesen, nie rangetraut. Jetzt ist sie offen und gewässert. Ob wirklich in 15-30 Tagen was Grünes rauswächst ?
  • Gemerkt, dass sich in dieser LP-Versandverpackung noch ganz schön viel befindet. Erst imaginär errötet, aber dann darin das Gros ein letztjährigen Bestellung bei Eis & Licht vorgefunden.

Neben zwei Schallplatten, die ich nicht abspielen kann, weil ein entsprechendes Gerät (aber mit mp3-Konvertierfunktion dann bitte) noch aussteht, fand ich knapp fünf CDs, da blieb kein Auge trocken. Eine breite Auswahl halbpopulärer Neofolk-Gruppen und ein Album einer (anscheinend) Amerikanerin, das mir zu jazzig und erwachsen klingt. Die Dame nennt sich „Little Annie“, deshalb hab ich es wohl gekauft.

Da blieb nach kurzem Reinhören nur, es für später zurückzulegen. Auch der zweite Versuch traf nicht so meinen Musikgeschmack, auch dieses Album kaufte ich wohl des kuriosen Titels wegen, es heißt nämlich Gerda. Ist mir aber zu einschläfernd-elektronisch.

Um aber langsam zum Happy-Ending zu kommen:

das dritte angehörte Album war von Lux Interna, nämlich „God is not dead for the birds.“, und es versöhnte mich ein Stück weit wieder mit der Welt. Es sind unaufregte Lieder mit der Kombination „düstere-Männerstimme und mittelhelle-Frauenstimme“, die ich so liebe.

Im Booklet findet sich ein Heidegger-Zitat, mit dem ich enden möchte, zugebend, dass ich es nicht verstehe.

Die Zeit der Weltnacht ist die dürftige Zeit, weil sie immer dürftiger wird.“

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