schwarz-weiße Postkarten 1: Idylle und Verklärung

Teil 1 meiner kleinen, unprofessionellen Ansichtskarten-Edition knüpft da an, wo der vorherige Artikel aufhörte, beim zeitlichen Zurückblick auf vermeintlich unkompliziertere Leben.

Bauernhaus in der Dübener Heide

Diese Karte ist nur als Andenken gekauft worden, also unverschickt („ungelaufen“). Man sieht jede Menge Angestellte und Bewohner, weil ja das Landleben viele Leute brauchte, einen Farbeimer, einen Hund oder eine Decke (unten rechts), sowie einen Jugendlichen, der fröhlich ein Gewehr hält. Nun bedauere ich es, keine vertieften volkskundlichen Kenntnisse zu haben.

Darum zu etwas propagandistisch Durchschaubarerem :

Diese Karte ist eine Art Benefizveranstaltung, wie es das heute noch gibt („kauf einen Kasten Krombacher und 2 Cent gehen an den Regenwald“), denn sie war „zum Besten der Kriegskinderspende deutscher Frauen“ und zeigt die „Kronprinzessin Cecilie“. Damals gekauft für 10 Pfennige, wobei mindestens 7 Pfennig, laut Rückaufdruck, für den „Rheinischen Kriegskinder-Spendentag Oktober 1916“ verwendet wurden. Möglicherweise war die Käuferin vom Motiv angetan oder wollte nur die Spende machen, jedenfalls ist auch diese Karte ungelaufen.

Oberhof. Waldkaffee Untere Schweizerhütte. Touristenheim der Leipziger Verkehrsbetriebe

Deshalb als letztes noch eine gelaufene Karte. Sie ist wesentlich später gedruckt worden, nämlich 1955, aber auch sehr idyllisch. Absender war ein Herr mittleren Alters, der an Frau und Kinder schreibt, die nämlich zu Hause bleiben mussten. „Meine liebe E. , Von einem sehr schönen Nachmittags-Ausflug nach umstehender Hütte mit einem Kollegen aus dem Eisenbahnerheim, welchen ich schon in Bitterfeld im Zuge kennenlernte, sende ich Euch herzl. Grüße ! Der Kollege ist etwas älter, aber sonst gut zu mir passend. Heute habe ich, ohne Antwort von Dir abzuwarten, 6 DM an Dich abgesandt. […]“

Erwähnte ich schon meine nahezu morbide Faszination für Schriftstücke Verstorbener ? Und wie mich die Vorstellung begeistert, in einer telephonlosen Welt zu leben ?

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    • David von Schewski
    • 11. Juli 2011

    So Karten schau ich mir auch immer gerne an, wenn ich auf Flohmärkten bin. Genauso wie so alte Photos, könnte ich stundenlang draufglotzen. Zumeist stell ich mir vor, was wohl links und rechts des Bildausschnitts los ist und was wohl zehn Sekunden und zehn Minuten an exakt der photographierten Stelle abgelaufen ist…und ja, Photographie, kein Stück ph-neutral…

    • durch das Säure-Schlagwort hab ich nochmal eben meinen Studienordner aufgeschlagen: offenbar hielt ich sogar mal ein Referat über Fotoaufbewahrung, Erschließung, Benutzung…
      sagenhaft, wie fast nichts mehr dazu im Kopf ist..

  1. Welch‘ schöne Idee, auf diese Weise im Leben wildfremder Menschen herumzustöbern. Aber sag: woher beziehst du denn bitte derartige Intimitäten?
    Zum Heidehaus: sicherlich Katholiken, so ähnlich wie die Kids sich sind…
    Zur Decke/zum Hund: Ich denke es ist beides. „Damals hatten wir ja nicht viel…“

    Beste Grüße:
    Markus

    • danke, ich befürchtete bereits, dass es eher öde für andere wäre. Ja, dann lohnt es sich ja, Fortsetzungen zu machen.
      Katholiken.. naja, ich meine, in der Dübener Heide ist eher der Lutherismus verbreitet (gewesen), Wittenberg ist ja nicht weit.
      Und der Ursprung: Verwandtschaft, die gleich meiner nichts wegschmeißt, oder kaum was.
      Aber da das Urheberrecht 10 Jahre nach dem Tode auf die Erben übergeht..

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