Rapichteln im Portfolio

Viele Eltern möchten gern etwas aus der Zeit überliefert haben, in der ihre Kinder sich in Betreuungseinrichtungen befinden. Das scheint schon jahrzehntelang so gewesen zu sein. In früheren Zeiten handelte es sich bei diesen Überlieferungen jedoch fast ausschließlich um debile infantile Kunstversuche.

Das waren solche Bilder und Bastelobjekte, für die sich das Kind später schämt und die halbwegs unverblendete Elternteile bereits nach kurzer (zum Teil gespielter) Bewunderung am liebsten unauffällig entsorgen möchten.

Nur wenige solcher „Kunstwerke“, die doch primär nur das Kind eine Weile sinngeleitet in der Einrichtung beschäftigen sollten bzw. einen Sinn für das Jahresrad schaffen sollten, halten späterer Betrachtung stand.

Ich, zum Beispiel, benutze ganz gern einen Holz-Kleiderbügel, der von meinem Kindergarten-Ich mit bunten Tupfen versehen wurde. Das einzige konkret-grafische Bild aus meiner Kindergartenmappe erheiterte schon viele Besucher unseres Wohnzimmers. Und zu guter Letzt stach mir noch ein rot verkrakeltes Blatt Papier ins Auge und Gedächtnis, es trägt den Titel „Arbeiterfahne“. Den Titel schreiben ja die Erzieherinnen meist klein ans Bild, sonst wüsste man überhaupt nicht, worum es gehen soll. Die Vorstellung, wie ich als 4-oder 5-jährige motiviert wurde, eine Arbeiterfahne zu malen, amüsiert mich, wirft aber freilich auch ein zeitgeschichtliches Schlaglicht .

Dank moderner Medien und preisgünstiger Speichermöglichkeiten können nunmehr breitere Überlieferungen geschaffen werden: da werden Cds ausgegeben, Filmchen gedreht, das Stadtfernsehen erscheint bei Festen, spektakuläre Verkleidungen werden angefertigt (Theaterpädagogin sei Dank), alles ist irgendwie schöner, neuer, bunter..

Das (aus meiner soziophoben Perspektive) Negativum an der schönen, neuen Kita-Welt ist, dass die Eltern mehr mitmachen sollen, also Kuchen backen, diverse Zusatzgeldbeträge bringen, Arbeitseinsätze auf dem Kita-Gelände, bestimmte Dinge für bestimmte Anlässe mitbringen, den Ordner in Schuss halten..

Das wird u.a. mit dem Ordner an sich belohnt, der heißt neudeutsch „Portfolio“ und ist eine heitere Dokumentation von Fotos, Texten und Bastelarbeiten. Zwar finde ich es seltsam, Hausaufgaben alá „malen Sie mal übers Wochenende ein Blatt voller Monde mit Ihrer Tochter“ zu bekommen, aber ich werde reich belohnt und lache über dokumentierte Aktionen und Objekte wie:

Fisch mit Linsen

Oder über Sätze wie:

„Du hast sehr gern mit Wichteln-Rapichteln gespielt.“

Igelfamilie aus Salzteig


Am besten sind aber die Rollenspiele der Kita-Angestellten. Ob denen eine Peinlichkeitszulage gezahlt wird, weil sie sich hängende Hasenohren aufsetzen müssen oder „in die Spinnenschule“ müssen ?

Das leicht mangelhafte Deutsch der Portfolio-Einträge verstärkt die Komik noch. Wahrscheinlich ist es nicht moralisch korrekt, darüber zu kichern, und die migrierte Erzieherin hat sich große Mühe gegeben..

aber trotzdem…

„Ich male – gestalte Wasserstreife und danach kommt noch Lebewesen“    (ahaaaa)

Advertisements
  1. Es kommt nicht allzu häufig vor, dass mich Geschriebenes so sehr zum Schmunzeln anregt, diesem Artikel gelingt das mit Leichtigkeit.

    Danke!

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: