Eine Auswahl an Bahnbegegnungen : Hauptteil 1

Die Vorrede (einleitende Worte) war hier.

  • der überstylte Grundschüler : ein circa 7-jähriger stand einen Meter neben mir an der Tramhaltestelle. Ich nahm staunend seinen Look zur Kenntnis, der sich zwischen „DJ Ötzi“ und „Marketingdirektor“ bewegte, so mit Designerbrille, Käppi und breitem Ohrring, da rief er plötzlich mit überschwenglichem Enthusiasmus: „Da kommt sie, die 92 ! Yeah, Baby ! Du bist mein Schatz!“ Ich hatte Probleme, nicht laut loszuprusten, schließlich stand seine Mutter direkt daneben (deren Styling mir sein Styling erklärte). In der Tram verging meine Abscheu aber ein wenig, weil der Knabe sich nach einigen weiteren Sprüchen, die seinem Alter und dem Tonfall nicht angemessen waren, erbarmte, mit meiner Tochter Kuckuck zu spielen.
  • die 40-jährige Jugendliche : saß mit gekonnter Lässigkeit auf der Halbwand im RE und las leider nicht einfach ihr mitgebrachtes, grellgelbes Buch, sondern tippte zwanzig Minuten lang in ein Mobiltelefon. Sie hatte die Tastentöne aktiviert. Tüüüt. Aaargh. Tschilp. Füüt. Tött. Tüüütt. Tüüütt, tüütt. Ich sah die Konzentration unter ihren nahezu weggezupften Brauen – und ich sah unprofessionell grellrosa lackierte Finger, die tippten: Nüüt. Nopp, nopp, füüüüt, blimmblimm. „Bitte steck dein Telefon wieder in deine Nietentasche, gleich neben das hello kitty – Geldsäckchen, bitte ..“ Doch sie hörte die nervigen Tüüttöne wahrscheinlich gar nicht, wippte doch ihr gefärbter Pferdeschwanz zu krachiger Kopfhörermusik.
  • Chantal : Ist eine leicht füllige Grundschülerin,von ihrer Mutter „Shanti“ genannt, sodass ich lange nicht begriff, dass sie wirklich den Klischeenamen trägt. Ich war sogar geneigt, Mutter und Tochter für aufstrebende Unterschichtler („wir haben zwar kein Geld, aber Würde“) zu halten, aber dann blieb meine (wesentlich jüngere) Tochter neben Chantal stehen und bestaunte deren Plastevierbeiner, was Chantal zum Anlass nahm, sich richtig lange mit meiner Kleinen zu beschäftigen. Ich fand das richtig klasse, meine Tochter fand Chantals Pegasus richtig klasse und Chantal fand die Abwechslung und Auflockerung der öden, langen Regionalexpressreise richtig klasse. Nur Chantals Mutter brachte immer wieder überflüssige Ermahnungen in die Szenarie : „Lass doch das kleine Mädchen in Ruh, Shanti!“ (ich dachte:“meine Güte, dass kleine Mädchen langweilt sich doch, wenn sie sie in Ruhe lässt und das große auch. Ich passe schon auf, dass niemand verletzt wird, entspann dich, Alte.“)

weiter zum letzten Teil

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    • shortstoryexchange
    • 8. August 2011

    Schön, wie du Stereotype und reale Gestalten in einen Pudding rührst und so irgendwie voraussehbar und zugleich authentisch porträtierst. Und so sehr all diese Milieuerscheinungen auch unreflektiert ihr Dasein als billige Abbilder medialer Menschenbackformen fristen müssen, so wenig wissen wir, was wirklich in ihnen vorgeht…

    Man stelle sich vor, dass der überstylte Grundschüler eines Tages Außenminister wird!

    Man stelle sich vor, dass die jugendliche 40-Jährige gerade mit ihrer Dissertation über das Doppelspaltexperiment beschäftigt ist!

    Man stelle sich vor, dass Chantal eines Tages eine visionäre Künstlerin wird, die die Kunstlandschaft mit der Konzeption von „Menschengedanken in Plastik“ revolutionieren wird…

    • Man sollte wohl die Hoffnung nicht aufgeben, nicht wahr?

      • Haben Sie denn noch Hoffnung für Justin und Dustin ?

        • Ich kenne sogar zwei Jungs mit diesen Namen. Und ja, da habe ich Hoffnung, dass sie zwei langweilige, erfolgreiche Männer werden. Obwohl, bei Justin bin ich mir nichts so sicher …

  1. Diese Chantal hat es angeblich geschafft:

  2. Siehste wohl. Obwohl, wenn ich mir die Top5 von Chantal ansehe … Starbucks, Das Parfüm, Sushi und R`n´B – naaa ja.

    • ich kann auch nicht glauben, dass sie ZahnÄRZTIN ist. Freundliche medizinische Angestellte vielleicht, aber ausstudierte Ärztin ..?

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