Räumliche Distanz : die Rettung des reisenden Schwamms

Eine wahrhaft kryptische Überschrift, nicht wahr ?

Doch gemach, es ist alles nur halb so spannend. Es geht hier lediglich um einen Einblick in meine zurückliegende Wochentagsgestaltung, der zu einem Lied hinführt, dass mir in diesen Tagen als Rettung erschien.

Die Wörter aus der Überschrift werden fett vorkommen, nebensächliche, schwammige Beibetrachtungen kursiv.


Ein typischer Reisetag (zum Glück nur von der zurückliegenden Woche)…
– 50 min. zur Kita gefahren, 50 min. zurück nach Hause gefahren
dann 20 min. zur Tagesmutter gefahren
dort 1 bis 2 Stunden lang versucht, einen guten Eindruck auf die künftige Tagesmutter, ihren urlaubhabenden Mann und die Mutter des anderen Kleinkindes zu machen – in vollem Bewusstsein der Tatsache, dass ich in einigen Belangen als reiner Hippie erschienen sein muss. Zudem auch im Erblicken einiger potentieller Gefahren für Kinder und im Nichttrauen des Ansprechens derer.
20 min. zurück nach Hause gefahren
nachmittags wieder 50 min. zur Kita gefahren,
danach 50 min. nach Hause gefahren
–> alles in allem rund 240 min. damit verbracht, in Bussen und Trams zu sitzen, zu Haltestellen zu gehen und an Haltestellen zu warten. Ich weiß schon, dass das für manch einen Berufstätigen ganz normaler Alltag ist, aber die pendeln zumeist nicht mit 1 bis 2 Kindern im Schlepptau und können daher Zeitung lesen, aus dem Fenster träumen oder Kaffee trinken.

Ich hingegen musste u.a. , zwischen 6 möglicherweise Lauschenden, Erklärungen abgeben wie „ich finde es schon heikel, in der Tram Kaffee zu trinken, wenn die Bahn heftig bremst, wird der ganze heiße Kaffee auf der Frau dahinter landen. Ja, auch den Computer hier aufzuklappen, ist riskant, der könnte beim Bremsen kabuff machen. Es gibt zwar schon Deckel dazu, aber beim Bremsen läuft der Kaffee bestimmt durch das Loch, außerdem merkt man dann vorm Trinken immer so schlecht, wie heiß der ist und dann, dann verbrennt man sich vielleicht die Lippen. Außerdem hatte ich zuhause schon einen Kaffee und man soll ja auch nicht sooo viel Kaffee trinken.“ Die Frage war wohl : „maaammaa, warum trinkst du denn kein käffchen in der straßenbahn ??“
Dass ich mir solche Gespräche merken kann (und in Ansätzen parallel auch das der alten Russin neben mir mit einem selbstbewussten jungen Russen, der aber Sprachlehrer an der innerstädtischen Gesamtschule ist), deutet daraufhin, dass ich ein Schwamm bin. Darum muss ich mich ständig bemühen, nicht vollgesogen zu sein, um nicht unterzugluckern.

Fokussierung heißt hier das Zauberwort. Es gibt Situationen, da ist mir das (noch) nicht möglich, Kindergeburtstage zum Beispiel, dann hilft nur noch rechtzeitig Flüchten oder die vollen Symptome der Reizüberflutung mitnehmen und geflüchtet werden.

In öffentlichen Verkehrsmitteln bin ich hingegen geübt. Lesen ist leider nicht möglich, weil das die Übelkeit provoziert, aber Musik hören klappt ganz gut. Viele Lieder, die Zuhause prächtig zu hören sind, eignen sich zwar nicht für unterwegs, weil sie mit der Fahrtgeräuschkulisse nicht zusammenpassen, aber umso text- und melodielastiger es aus den Kopfhörern kommt, desto höher zu Chance, dass ich mich darauf konzentrieren kann und zumindest einiges vom Drumherum ausblende (und somit noch am Ziel der Reise ein wenig Platz im Hirn übrig habe.)

An einer Stelle in der Straßenbahn beobachte ich gerade eine Art Emo-Girlie mit wirklich niedlichen Lippenpiercings – ich habe sie schon einmal gesehen und hey, ist das nicht die Tüte vom Bäcker, bei dem ich heute morgen war ? – Da kommt es, das Lied, das mir endlich den Pessimismus in innere Ausgeglichenheit verwandeln wird. Ich höre es einmal und muss grinsen. So von innen nach außen.

Große Klasse. Ich steige in einen vollen Bus, stelle mich, nunmehr gut gelaunt, in die Mitte, wo mich jeder sieht und ich jeden sehen kann, und höre es ein zweites Mal. Am besten ist die (Text-)Stelle:
„Was ist das Gegenteil von nichts
hab ich dich einmal gefragt.
Ist es etwas, oder alles? –
„Küss mich“ hast du gesagt.

Während du verliebt bist, sind andere völlig verzweifelt.
Und während du verwöhnt wirst, werden andere von Bomben zerfetzt.
Das hört sich schlimm an – ist es aber nicht ganz,
denn zum Glück gibt es die räumliche Distanz! “

Dank der Musik gelang es mir, mich darüber zu freuen, wie geübt ich bereits darin auch bin,  alle Kurven und Bremsungen abzufedern, ohne Stangen zu greifen. Es gelang auch, mich gedanklich nur mit vier Leuten zu beschäftigen, anstatt mit dem ganzen Businhalt. Und schon diese vier sind eigentlich zu viel. Verwertbare gesammelte Daten hatte maximal der Typ mit dem Fussballtattoo zu bieten.

Advertisements
    • Namenslos
    • 20. August 2011

    Wenn ich richtig gezählt habe, bist du drei Mal hin und drei Mal wieder zurück nach Hause gefahren. Ein Arbeiter macht das insgesamt zwei x (Hin und zurück). Ich denke nicht, dass der Arbeiter dich da übertrumpfen könnte. 😉

    • Die können mich nur in der Zahl ihrer wöchentlichen Feierabendbiere übertrumpfen, hihi !

  1. 29. Januar 2012

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: