Sonntag, 8 Uhr, Stadtplatz

[jemand zwang mich, zur unmenschlichen Sonntagszeit von 7 Uhr endgültig das Bett zu verlassen, nach über einstündigem flehentlichem Herumwälzen in selbigem – gleich lässt die Wirkung des ersten Kaffees nach. Um nicht einzuschlafen, versuche ich mich in einer kleinen Hommage an den großen Herrn Neumann.]


Leona Taube hatte gut geschlafen und konnte bereits die Menschen vor der Bäckerei erblicken. Die meisten von ihnen sahen irgendwie müde aus. Warum nur ?
Die Sonne war doch schon vor über zwei Stunden aufgestanden. Waren nicht auch diese ganz jungen Menschen dem Ruf der Sonne gefolgt und aus ihren Decken gekrochen, wenngleich sie am Abend weit nach Sonnenuntergang erst mit dem Schlaf begonnen hatten ?
Jetzt standen diese Menschen auf dem kleinen Stadtplatz. Sie sahen alle verloren aus. „Sie werden sich ein jeder seines Status bewusst sein und darum so kümmerlich dreinblicken“, dachte Leona.
Das Menschentier durchläuft mehrere Stadien, das ist bei Tauben nicht anders. Sie werden ungefragt geboren, müssen Nahrung suchen, schlafen und irgendwann sterben, letzteres geschieht zumeist auch ungefragt. Was die Menschen außerdem noch treiben, hat Leona noch nicht vollends durchschaut – sie ist eine noch junge Taube und das Menschentreiben erscheint ihr oft rätselhaft.
Zwei ältere Männer sitzen am Tisch vor der Bäckerei. Ein dritter kommt und sagt etwas, woraufhin der erste miesmutig aufsteht. Der dritte klopft dem zweiten auf die Schulter und setzt sich dann. Der zweite murmelt etwas und steht auf. So sind nun alle drei separiert.

Leider haben sie kein Gebäck zurückgelassen. Leona hat aber Appetit.
Im Bäckerladen drängt sich eine beachtliche Anzahl Menschen um die Theke, hinter der drei Frauen in Dirndln umherlaufen. Die eine Frau scheint noch keine dreißig Jahre alt zu sein und trägt zum bescheidenen Dekolleté einen doppelten Lidstrich, der den Blick auf ihr fahles, müdes Gesicht lenkt. Die beiden anderen sind älter und deshalb munterer, auch bieten sie üppigere Brustauslagen.
Die Menschen vor der Theke haben sich etwas aus der Gebäckauslage ausgeschaut und brüllen ihre Bestellungen durcheinander. „Zwei Kartoffelbrötchen, drei Schusterjungs, ein Franzbrötchen, zwei Pfannkuchen, und dazu noch eine Mohnstange !“
Leona kann nur bedingt nachvollziehen, warum sich die Leute nicht die Aufbackmasse selbst erhitzen („Fertigbacken“), etwas anderes tut der junge Mann ohne Dirndl rechts hinten im Bäckerladen doch auch nicht.
Vielleicht brauchen die Menschen einfach Gründe und Ziele, um ihre Nester zu verlassen, ist doch ihr Bewegungstrieb nicht mehr so stark ausgeprägt, wie bei manch anderen Tieren.
Deshalb halten sie sich womöglich auch diese Wolfsderivate, die so geduldig vor dem Laden warten. Sie wissen, dass sie nicht mehr jagen brauchen, bringt ihnen doch ihr Mensch mehrere Fressportionen täglich. Fast beneidet Leona diese Hunde, da fällt ihr auf, wie umständlich deren Überleben ist.
Warum halten sich die Menschen nicht lieber Tiere als Gefährten, die sich von Gras und Gemüseabfällen ernähren ? Finden sie es wirklich besser, Grasfresser in riesigen Hallen mit Mais und brasilianischem Soja fett zu füttern, um später deren Kadaver ihren Hunden vorzusetzen ?
Ein Mann steigt vom Rad ab und sagt zu der ebenfalls vom Rad abgestiegenen Frau: „Guck mal, auf der Zeitung ! Schon wieder so eine Somaliaschlagzeile ! Wann unternehmen die endlich was gegen das Verhungern?“
Leona ist verwirrt. Wenn Menschen sich um die Nahrungsnot anderer Menschen sorgen, warum verfüttern sie Nahrung an Tiere, welche wiederum von Tieren gegessen werden, die keiner essen mag, weil sie Hunde heißen ?

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  1. 22. Januar 2012

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