In Memoriam : zwischen Büchern, Forschern und Alten. Teil 1

Ein alter Mann bewohnte ein Zimmer in einem Schloss, in einem Städtchen am Neckar. Daneben hatte auch eine über 70-jährige ihr (Privat-)Zimmer, der Rest des Schlosses unterteilte sich in Pflegeheim, Altenheim und Bibliothek.

Eines Abends kehrte ich vom Waldspaziergang zurück, da sah ich Licht im Zimmer des Mannes. Ich sah ihn am Fenster sitzen, ein Glas Rotwein und ein Buch vor sich. Er schien allein und der Rest des Hauses war dunkel. Eine seltsame Zufriedenheitsathmosphäre strahlte auf mich herab, ich war mit einem Mal mit der Welt im Reinen.

Wenn es diesem Mann gelungen war, auch im Alter noch seinen Interessen zu huldigen (Architektur, bildende Kunst) und auch ohne nahe Familie ausgeglichen, zufrieden zu wirken, dann würde das mir doch vielleicht auch gelingen, es gäbe nichts zu fürchten. Den Gedanken an die Insassen des Pflegeheims schob ich weit von mir, war ich doch nur einmal da durchgelaufen, auf dem Weg zum Zimmer der 70+Dame.

Sie hatte eingeladen, um mir Magnetpflaster zu schenken, die bei ihr, der Dame, hervorragend gegen diverse Wehwehchen geholfen hatten. Durch Akupressur und Magnetströme würde sich gesundheitlich was bewegen, war ihr Glaube. Im Rückblick halte ich die Pflaster zwar für Placebos, aber die Gespräche mit der älteren Dame haben mir bezüglich „Horizonterweiterung „und „genügsam werden“ geholfen.

Sie berichtete von Lagern in Russland und zähneverlierenden Freundinnen, von Unterdrückung im kommunistischen Rumänien … Ich konnte da nicht viel entgegnen, fand ihren Optimismus und alles überwältigend. In der Bibliothek hatte ich in den Pausen bereits zuvor in einigen Erinnerungsaufsätzen gelesen, seitdem stelle ich mir in unregelmäßigen Abständen Menschen vor, die gezwungen werden, in Wannen voller Eis zu stehen, bis die Füße schwarz werden und der Tod eintritt. Da sollte es um Bestrafung für das Ändern eines Bettlaken in ein Unterhemd gehen, wenn ich mich recht erinnere.

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    • shortstoryexchange
    • 8. September 2011

    Bewegend finde ich auch den Gedanken, dass derartig schreckliche Erlebnisse eben nicht zwangsläufig Verbitterung und Hass zur Folge haben müssen, was man leider – ohne jemanden dessen zu beschuldigen – sehr oft erlebt.
    Das ruft eine Erinnerung an jene alte Dame hervor, mit der ich eine Woche auf derselben Station im Krankenhaus verbrachte: sie erzählte davon, wie sie im Schneeregen stehend, kümmerlich frierend Schützengräben für deutsche Soldaten ausheben musste, wo nicht überall Militär war damals! Zwar vergaß sie im Gespräch immer wieder, wo sie im Moment war und warum sie dort war, doch stellte sie konsequent in jedem Satz die Schönheit der Welt in den Vordergrund, die schien sie niemals vergessen zu können, all das mit einem unbeschreiblichen Lächeln. Ein Lächeln, das einen die eigene Ahnungslosigkeit vermuten lässt und zugleich so berührt, als wüsste man, wovon sie spricht.

    • ooochhh.. (mehr fällt mir ob deiner Dame und der Beschreibung nicht ein. ausser vielleicht : man bekommt als moderner Friedens-Wohlstandsmensch leicht Schuldgefühle bei sowas, weil man doch auch ohne harte Zeiten schimpft und deprimiert und so..)

      Da fällt mir auch die Regel zum Verarbeiten von Zeitzeugeninterviews (oral history) ein: man müsse davon ausgehen, dass die Befragten vereinzelte positive Erlebnisse in den Vordergrund stellen (auch in ihrem Kopf gestellt haben), um das überwiegende Negative besser verarbeiten zu können. So kämen in vielen Erzählungen auch ein, zwei freundliche Aufseher vor oder Einheimische, die Brot durch den Lagerzaun stecken – was den Interviewer aber nicht verleiten sollte, zu denken: „ach, dann war es doch nicht so schlimm für Frau x „

  1. 12. Dezember 2011

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