Realität fliehen, Augen funkeln

Es war der sechste September, als sich mir der Eindruck aufdrängte,

manche IT-Fachmenschen, aber auch Online-Marketing-Fans, wären die größeren Realitätsflüchter als hauptberufliche Künstler.

Nur : mit der Flucht in abstrakte Ideen und virtuelle Oberflächen lässt sich tendenziell mehr Geld verdienen, als mit dem Schaffen von Gebilden, die man haptisch konsumieren kann und die der Zerstreuung und Inspiration dienen.

Das erstaunte mich. Ich hatte das Gefühl, jener „schöne, neue Welt“-Aspekt wäre nicht „gut“. Aber das war natürlich nur ein temporärer Gedankenschweif.

Dieser wurde provoziert von Heike und Arnim.

(alle Namen geändert oder eh vergessen)

Heike, Absolventin der Burg Giebichenstein, hatte sich gegen ein Biologiestudium entschlossen und fertigt nunmehr Viren und andere Organismen in Übergröße aus Ton. Dafür braucht sie einen riesigen Ofen, für den erstmal Platz und Stromanschlüsse gefunden werden müssen. Weil sich die Keramiken nicht doll verkaufen, bietet Heike in der Innenstadt Kreativkurse für Kinder an. Damit kann sie die Werkstattmiete decken. Das hört sich doch versponnen an. Es ist wahrscheinlich gut, dass sie mit einem Verwaltungsfachangestellten liiert ist. Aber de facto entstehen doch anfassbare Dinge, von der realen Welt inspiriert.


Arnim hat sein Herz der sogenannten SEO (Search Engine Optimisation) verschrieben. Von seiner Agentur betreute Netzseiten haben einen super Pagerank, sagt er. Er spricht schnell und viel Denglish. Ob es an der Faszination des Wettbewerbs liegt, dass er hektisch Lehrsätze alá „Content ist King“ reproduziert ?
Alles, was seine Agentur fabriziert, wird unnutzbar, kappt man viele Kabel oder zerstört einige Server. Nichtsdestotrotz hat er ein Funkeln in den Augen, dass alle Künstler im Haus (mit Ausnahme eines temperamentvollen Malers) nicht haben.

Als ob die harte Lebensrealität Maler und Musiker eher abstumpft als Webdesigner. Nach dem Gedankenschweif lauschte ich noch eine Weile gebannt Arnims Ausführungen über Templates und css, dann ging ich wieder ins andere Stockwerk und nüchterte beim Blick auf zwei düstere Gemälde aus.

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  1. Die Welt ist ein Irrenhaus und das World Wide Web ist die Zentrale….

  1. 11. September 2011

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