„Die sind nicht mal eines Kommentares wert“

.. sagte mein Begleiter. Derselbe, der mal zu einem bessergestellten Herren im Fahrradabteil sagte: „Für Ihr Scheißfahrrad sollen hier drei Leute aufstehen?!“ und damit anerkennendes Nicken von zwei etwas pöbelhafteren Männern neben sich erzielte.
[das ist so ein Verarbeitungstext. Manche Unterwegs-Ereignisse sind etwas schwieriger zu verdaue(r)n. Vielleicht hat der ein oder andere Leser auch mitunter Probleme mit grenzübertretenden Mitmenschen, das würde mich beruhigen, davon zu erfahren.]
„Die waren so besoffen, du brauchst keine Sekunde weiteren Denkens an die zu verschwenden. Auf dieser Strecke sind immer nur Assis, ich habs dir ja gleich gesagt“. Ja super. Das würde ja implizieren, das wir beide auch Assis sind. Und wenn ich es genauer überdenke, mag das sogar stimmen.
Aber, Assi hin oder her, ich würde niemals einfach Mitfahrer derart zusülzen. Auch nicht im besoffenen Zustand. Wobei mir gar nicht aufgefallen war, dass das Sabbelpärchen besoffen gewesen sein muss. Mein Menschenbild ist wohl so schlecht, dass ich auch nüchternen Leuten ein derartiges Mitteilungs- und Belehrbedürfnis zutraue.
Was war also geschehen ? Warum rege ich mich schon wieder so auf ?
Der Höhepunkt dürfte gewesen sein, als die um-die-50-jährige Camouflage-Jackenträgerin süffisant (also für die halbe Bahn hörbar) erzählte: „Die Mama grinst, hat so Grübchen, wie meine eine Tochter auch.“ Da hätte ich beinahe gesagt: „Ich lache aber über dich, nicht mit dir !!!“, was noch die harmlosere Variante gewesen wäre. Wäre ich Cholerikerin, wäre es wahrscheinlich eine Ohrfeige, gefolgt von „Was gehen dich meine Grinsegrübchen an, Alte, geh doch in deine Hartzibutze zurück und glotz RTL2 !“ geworden.
Als Teilzeit-Soziophobikerin und -Mutistin ist es freilich nichts dergleichen geworden. Dass mir fast der Kragen geplatzt wäre, ließ sich wahrscheinlich für Umstehende nur beim Aussteigen bemerken, als ich auf ihr „Schönes Wochenende noch, war nich bös gemeint“ ein gepresstes „Ich fands schon recht anmaßend“ hervorbrachte.
Nun, bereits im RE vor der Tramfahrt fühlte ich mich von einer Dame schräg angeglotzt, ist ja auch eine Unverschämtheit von mir, ein unter Dreijähriges Menschenkind nach 20 Uhr noch durch die Gegend zu kutschieren. Dafür kann man mich schon mal 30min. lang anstarren und sein Buch sinken lassen. Na gut, wenns sein muss.
In der Tram setzte sich meine Paranoia fort, das Kind zeigte allen seine Müdigkeit und ein Mittelschichtpaar guckte eventuell ständig rüber (vielleicht aber nur eingebildet). Das war aber wenigstens amüsant fürs Kind, da der Mann sechsmal nieste.
Als dieses Paar ausstieg, sagte ich noch:“Soooo, jetzt werden wir ja nicht mehr beobachtet.“ Aber dann kam das Pöbelpärchen. Und bot alle Klischees. Leider konnte ich nicht weg, 20 min. in der Kälte mit einem müden Kind auf die nächste Bahn warten war keine Alternative.
Es fing mit Winke-Figuckchen an. Die Frau machte sich zum Affen, obwohl Kind offensichtlich zu müde war zum Späße gucken.
Sowas kommt ab und an vor, manche Leute scheinen so einen Kinderspaßschalter zu haben, der sich bei ihnen unwillkürlich umlegt. Ich nehm ihnen das nicht übel – und manchmal freuen sich die Kinder ja auch darüber.
Dann redeten beide Diverses. Ich versuchte, demonstrativ wegzugucken und sie zu ignorieren. Mein Begleiter hat das perfektioniert, ich leider nicht. Ich leide in solchen Situationen, möchte aus dem Fenster steigen, kann das beobachtet-und-ausgewertet-werden überhaupt nicht ab. Irgendwann habe ich mich dann so angesprochen gefühlt, dass ich mich gezwungen sah zu kommunizieren. Ich habe also in ruhigem Tonfall erklärt, dass das Kind durchaus Mittagsschlaf gemacht habe, dass ich „so um die 24 sei“, dass ich es nicht unhygienisch finde, wenn es an meinem Finger nuckelt, dass ich durchaus nicht vorhabe, dem Kind „das abzugewöhnen“, nur weil sie (die Grenzenlose) mir das dringend rät, et cetera et ad absurdum.
Kann ja sein, dass sie vom Alter her meine Mutter sein könnte, aber was zur…. berechtigt sie, mich völlig distanzlos in der Öffentlichkeit zuzulabern, alle Anzeichen von Unwillen unsererseits ignorierend.
Wahrscheinlich wirklich der Alkohol. Das würde auch den ulkigen Moment erklären, da sie fragte: „Ist es ein Er oder eine Sie ?“und ihr Mann lachend sagte: „Das sieht man doch ! Wenns ein Er wäre, würde es kaum einen Rock anhaben.“ Dabei fummelte er besagten Rock an, sie stammelte: „Na, ich dachte.. weil sie doch zwei verschiedene Socken anhat..“ ich sagte: „das ist eine Strumpfhose.“
Gut. Jetzt, da ich es alles Revue passieren ließ, fällt mir auch auf, dass es verschwendete Energie ist, sich über besoffene Ungebildete aufzuregen. Dennoch fühlt man sich hilflos in dem Wissen, dass Menschen sich nicht für die eigenen hehren Reden interessieren würden (in diesem Fall: sie nicht kapieren könnten. Auch deshalb habe ich mir ausschweifende Erklärungen verbissen, die hätten nur zu Verwirrung geführt.) und einen einfach weiter nervten.

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    • flaschengruen
    • 16. Oktober 2011

    Damit stehst du wirklich nicht allein da. Ich bin mal gespannt, was ich mir später anhören darf. 😉 Irgendwelche Omis, die unbedingt gutschi-guh machen wollen, sind wahrscheinlich das harmloseste.

    Anekdote von Lena (auch Mama): mit Kinderwagen (und Kind drin) unterwegs, auf dem markt rumgestanden und eine assige Mutti mit zwei hustenden Gören daneben. Göre 1 ist ganz interessiert und fragt die Mutti, ob es mal das Baby sehen darf. Mutti sagt: „aber klar“ und hebt ihr hustendes Kind hoch, auf dass es den Kopf in den Kinderwagen steckte. Ohne Erlaubnis von Lena natürlich, mal ganz vom Rumgehuste abgesehen.
    Ich weiß gar nicht mehr, wie sie reagierte… aber mit anmotzen und notfalls Leute wegschubsen hat sie eigentlich kein Problem. 😉

    Zum Thema „die verstehen intelligente Kommentare/ Ironie nicht“ kann ich eine Kindheits-Erinnerung aus meinem Lieblings-Hassdorf anbringen:
    Ich (um die 14) laufe vom Schulbus nach Hause, ein Junge (vielleicht 11, von beschränkter Intelligenz) läuft mir nach, stiert mich an und ruft in unregelmäßigen Abständen: „Du stinkst!“
    Irgendwann wird es mir zu viel, ich dreh mich rum und frage ihn: „Wenn ich so sehr stinke, warum läufst du mir dann nach?!“ Darauf stutzt er, man sieht Zahnräder arbeiten… nachdie Verarbeitung offenbar zu keinem Ergebnis führte, rief er: „Du stinkst!“ – Dabei hatte ich damals nun wirklich eine einfache Erwiderung benutzt. Es ist deprimierend, dass man nichts außer vielleicht Gewalt gegen solche penetranten Dummis tun kann, weil sie’s einfach nicht checken, und Gewalt kann ICH nicht. Doof, das. Für dieses Dilemma habe ich auch noch keine Lösung gefunden. Außer ignorieren vielleicht.

    • Heute (wieder optimistischer als gestern) sehe ich zwei Lösungswege:
      – ignorieren und bei körperlicher Annäherung auf die Finger klopfen, Wegschieben etc. (dabei aber Hektik vermeiden)
      – den ursprünglichen Aggressor verbal und gestisch einwickeln und seine Apathie in Sympathie umwandeln. Manche Leute können das, habe ich beobachtet !

      Der geschilderte Fall hat aber eigentlich keinen Aggressor, die meinten das gestern alle nicht „böse“, die waren halt so.

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