Gutmenschen, rosa Halstücher und Projektmenschen (II)

An Tag 2 traf ich einen Projektmenschen, der vorher „Jungenarbeit“ betrieben hatte und davon schwärmte, mit großen Kindergruppen öffentliche oder auch Naturräume zu stürmen(und wieder weg zu sein, bevor sich jemand darüber beschweren könne). Die anwesenden drei Herren waren sich einig darüber, dass es cool sei, nicht mehr benötigte Autos auseinander zu bauen und daraus Skulpturen zu fertigen oder die Wracks mit Lichtern drinne als Deko für Veranstaltungsplätze  zu benutzen.

Da wären Recycling und sozialkulturelle Jugendarbeit vereint, eine nicht so neue, aber weltverbessernde Idee. Der kumpelige Projektmensch überzeugte mich zudem durch seinen jenensischen Dialekt – wer aus der nettesten Wissenschaftsstadt Mitteldeutschlands kommt, muss ein goldenes Herz haben, haaach.

Er trug am Arm ein Festivalbändchen, dazu Turnschuhe, Jeans und Streifenhemd. Er komme mit der Umstellung auf Büroarbeit nicht ganz klar, sagte er, sein Metier sei eher, draußen rumzuzappeln.

Doch Büroarbeit ist wichtig: ohne Büro keine coolen Projekte, ohne Projekte keine Gutmenschen mit Werkverträgen, die Geld fürs Organisieren und Präsentieren erhalten.

An Tag 3 der Gutmenschenwoche betrat ich eine VoKü für ästhetisch anspruchsvollere. Ich nahm, mangels anderweitiger Betreuung, beide Kinder mit und war reichlich nervös vorher, aber das stellte sich als unnötig heraus, waren doch von 26 Anwesenden 12 Kinder. Ich aß daher lecker und entspannt wie lange nicht mehr (ausserhalb von Wohnungen), es gab spanischen Biowein aus bombastischen Gläsern und ich schenkte mir ungeniert ein, galt es doch, einen stressigen Fussmarsch vom Neuen Palais bis etwas hinters Schloss Charlottenhof zu verdauen. Der Weg ist schön und ich brauche alleine 18 Minuten dafür. Mit den Kindern dauerte er allerdings 48 Minuten und hatte disziplinierend-charakterformende Ausmaße.

Raum und Mobiliar des Familienschmauses waren aus Projektmitteln finanziert, die Veranstaltung ist aufgrund der Iniative von Gutmenschen entstanden, alle sind sich in der Grundhaltung „Kunst ist gut, Bürgerpartizipation ist gut, das Großkapital ist schlecht“ einig. Nur über den Veganismus, da konnten sie sich nicht einigen. Während lange vorher rumgetratscht wurde, die Köchin hätte einen veganen Anspruch, musste ich kurz vorher Kuhmilchprodukte auf dem Küchentisch entdecken.

Naja. Man muss die Weltverbesserung eben in kleinen Schritten angehen.

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    • NatalNaDrach
    • 4. November 2011

    Anfrage eines Abkürzungsunwissenden : Was bitte ist eine VoKü ….?

    • „VolksKüche“ – Hobbyköche kochen in abgewrackten Gebäuden für sehr viele Leute, meist mit Weltverbessereranspruch, also billig und vegetarisch: Nudeln mit Gemüsesoße oder Seitangulasch zum Beispiel. Findet sich oft in besetzten Häusern, autonomen Jugendzentren usw.
      Das wäre meinen „Familienschmauslern mit Kunstinteresse“ aber zu abgewrackt gewesen, darum gab es (diese Woche auch wieder, lecker!) Gemüsekuchen in 4 Varianten und Kerzen mit Tischdecke.

  1. 29. Januar 2012

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