Die neue Variobahn

Ein Mann stieg mit einer Dreijährigen in die neue Bahn, welche der ganze Stolz der Potsdamer Verkehrsbetriebe (VIP) ist. Da Feiertag war, befand sich lediglich eine überschaubare Anzahl Reisender im Fahrgastraum.
Doch die Einsteigenden konnten nur noch zwei freie Sitze ausmachen und entschieden sich lieber für zwei stabile Stehplätze.
Drei Rentner im Fond der Trambahn beobachteten die Szene.
Rentnerin 1: „Da wärn do noch zwee Sitze jewesen.“
Rentner : „Aber da will doch keener sitzen.“

Es handelte sich um Plätze mit Rückenlehnen, ohne Polster, dafür mit erhobenen Plastestreifen. Wahrscheinlich für Gepäck und nur zur Not für Menschen gedacht.
Rentnerin 2: „Ich hab noch nie jesehn, dass eener sich damit einvorstann jezeicht hädde!“ (die drei betrieben eine seltsame Dialektmischung zwischen Berlinerisch und Ostthüringisch)
Rentnerin 1: „Un die wolln noch mehr davon bauen, die sinn doch bescheuert !“
Rentner: „Immerhin hatse mehr Stehplätze.“
Rentnerin 2: „Wat ? In dem engn Jang kann doch keener stehn!“


Wo se Recht ham, ham se Recht. Die neue Bahn, die also eine andere Baureihe als die bisher eingesetzten ist, könnte man wohlwollend als „hell und geräumig“ bezeichnen. Sie funktioniert m.E. als Synonym für unsere Gesellschaft: alles muss schick und sauber sein, behindertengerecht, kinderwagenfreundlich, mit Platz fürs Zubehör (Koffer!) und großen Glasfronten. Dass darüber kein Platz mehr für die Grundfunktionen (ausreichend Sitzplätze, wir befinden uns in einer wachsenden Stadt!) ist, haben die Planer anscheinend nicht bedacht.
Das ist wie in den neu gebauten oder sanierten Bahnhöfen: enge Gänge, viel zu wenig Sitzplätze, dafür aber Sockenläden und Fitnesscenter. Wer will schon im Bahnhof im Warmen sitzend auf den Zug warten, wenn er in der selben Zeit auch shoppen kann ?

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    • Arnold Bathurst
    • 5. November 2011

    Zum Stoßverkehr 16h00 stand ich neulich am Potsdamer Hauptbahnhof und schaute mir mit einigem Interesse die Potsdamer an. Mein Gott, ist das ein Volk! Irgendwie habe ich bei den meisten Menschen, die ich sah, das Gefühl gehabt, die gottgegebende DDR hänge noch an ihnen dran. Nicht, dass ich die Menschen darauf festlegen will, aber für meine Augen war es einfach nicht zu übersehen. Darüberhinaus war der Potsdamer Hauptbahnhof überhitzt durch Menschenatem und Menschenschweiß und es mischte sich der Geruch von Bäckerei und McDonalds in das Ganze. Ein unangenehmes Gedrängel kam hinzu und schon war bei mir das Bedürfnis Wegzulaufen wieder ziemlich groß. So voll wie eine Straßenbahn. Oh Wirklichkeitsüberfluss, der uns zwingt, uns im Möglichkeitssinn zu verstecken und, wie in meinem Fall, immer nur zu schwätzen, anstatt zu handeln! Entschuldige an dieser Stelle meinen bescheuerten Eintrag, der passt nicht zu deinem Text. Na, was solls!

    • Nee, da gibt es nix zu entschuldigen. Ich freue mich fast immer über Feedback und knalle anderen Bloggern auch ständig Kommentare an die Artikel, die oft schlecht durchdacht sind.

      Ein Gutes hat der Potsdamer Bhf übrigens: es läuft oft Level 42 und andere beruhigende 80iger-Jahre-Mucke. Da das allerdings kaum jemand außer mir wahrnimmt (und ich über das erstaunte Hören dann in Leute reinrenne, Kind aus den Augen verliere etc.), muss man sich doch wieder fragen, ob es nicht Stromverschwendung ist.

  1. 29. Januar 2012

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