Mein Platz. Mein reservierter Platz. Mach Platz !

„Ich kann das nicht“, hatte die Frau im ICE gesagt, seltsam trockenen Tonfalls.
„Nur Angeschlagene in diesen Zügen an diesem Wochenende“, habe ich gedacht, „wie unpraktisch“ und „wie demotivierend“: jedes Mal raffte ich mich auf, seuftze innerlich und sprach dann laut und deutlich, mit Blick in die Gesichter der Damen, die meinen reservierten Platz blockierten: „Verzeihung. Können Sie das runternehmen ? Ich habe den Platz reserviert.“ oder „Vielleicht können Sie sich ans Fenster setzen, denn ich muss öfter mal aufstehen ?“
und dann kam nur „Ich kann nicht am Fenster sitzen. Habe Platzangst und mir extra den Gangplatz reserviert. Ich kann nicht so eingesperrt sein.“ (okay. Wenigstens sofortige Erklärung. Mein Beileid. ich hingegen klebe gerne am Rand rum und fühle mich da beschützter.)
oder „Was ? Ich verstehe jetzt gar nichts mehr“ (mit viel späterer Erklärung an meinen Mitfahrer – nachdem ich schon einiges mit der Dame durch hatte und selbst innerlich blockierte für den Rest der Fahrt: sie habe einen Schlaganfall gehabt, das Mitdenken und Verstehen leide – was ja auch zu verstehen ist, aber erwartet man das von einer circa 30-jährigen, die verplant wirkt, aber sonst fit ?)
Also ich wäre nicht auf die Idee gekommen, sondern wurde zunehmend ungeduldiger und behandelte sie wohl wie eine Vierjährige: Sätze wiederholen, dabei immer schlichteren Satzbau verwenden, Wörter varieren (irgendeines muss doch verstanden werden ?!), das Implodierenwollen eher schlecht verbergen, aber dann grad noch die Kurve ins gezielte „lass mal friedlich bleiben“-Lächeln kriegen.
ich so: „Rucksack runternehmen. Oder Hochstellen. Den Sitz freimachen. ich habe reserviert ! Machen Sie den Sitz leer ! Bitte Rucksack wegnehmen ! “
sie sagte dann (nach langen Ignorieren meiner Person): „wie soll ich das denn machen ??“ und klang naiv. Ich dachte „was für ein bescheuertes Schauspiel, nur um keinen Nebensitzer zu haben.. fährst du das erste Mal in deinem Leben Bahn ?? du hast das Ding doch reingetragen, dann funktionieren deine Arme wohl, willst du mich verarschen ??“
ich wieder: „Na, nach unten legen. Oder beiseite. Oder nach oben. Irgendwo anders hin halt.“
sie: „ist schwer !“
ich, genervt genug, das Ding rambo-artig beiseite zu schleudern, aber vorsichtig genug, mich nicht zum Robert zu machen, denn das Überkopfheben von schweren Dingen geht frau (grad wenn zierlich, was ich leider bin) besser gemäßigt an, hob den Riesentrekkingrucksack mal versuchsweise hoch und sah ein, dass die Dame wohl Recht hatte, er war schwer, wohl 15 kg oder so. Ich zwang mich, erlernte Sozialkompetenz zu bieten und zog die Mundwinkel zu einem „ist tatächlich schwer“ nach oben, hoffend, dass sie es mir nicht übel nahm.
Wie deprimierend. Ein Mann musste ran. Aber runterschieben hätte sie doch wohl gekonnt ??

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  1. Oje, gerade gestern Abend habe ich online eine Fahrt gebucht. Sitzplatzreservierung war möglich, aber nicht wunschgemäß. — Bin beim Lesen hier gerade etwas bleich geworden.

    • mavy
    • 16. November 2011

    Wie sangen die Ärzte so schön: immer in die …hinein…Wenigstens zu sich selbst kann man dieses manchmal aufsteigende, unvermeidbare Gefühl verinnerlichen. Auch wenn es politisch nicht korrekt ist. Sind das etwa aber die Sitzblockierer?

    • Ich glaub schon. Die können ja im Grunde nichts dafür, mental oder psychisch blockiert zu sein (oder sind damit schon gestraft genug), und nichts für die automatischen schlecht verteilten Reservierungen.
      Z.B. auf der Fahrt mit der Klaustrophoben war gegenüber den Sitzen von Mann und Kind ein prächtiger Platz, wie für mich geschaffen, aber offensichtlich eher reserviert – von einer wunderbaren Frau, die wie selten welche vom frühen Kinderkriegen was verstand und alternativ-adrett war und mir eine Zukunftsperspektive vermittelte…

      Sich selbst die aufsteigenden Aggressionen zuzulassen ist nicht unbedingt gut. Kann man nur machen, wenn man nicht zu Tätlichkeiten neigt.

        • mavy
        • 16. November 2011

        Sorry, auch mit einer psychischen Blockade kann man höflich sein. Und das eine verhindert nicht das andere. Es=Blockade kann nur für das Verstehen des Gegenüber dienen.

        • Kommt wahrscheinlich auf die Qualität der Blockade an.
          Was bedeutet „Es=“ ?

            • mavy
            • 16. November 2011

            Sinnbildlich: wenn das Gegenüber eine Blockade erkennt oder annimmt, kann sich das Gegenüber das Grundverhalten des Blockierers eventuell erklären. Aber nur weil eine Blockade vorhanden ist, hat der Blockierer nicht die Rechtfertigung sich gänzlich der Höflichkeit des menschlichen Miteinander zu verweigern. Die Blockade ist für ein solches ‚taktloses‘ Verhalten kein Ausrede.
            Ansonsten ist es überhaupt nicht schlimm, wenn es eine Blockade gibt, aber gewisse Dinge müssen trotzdem funktionieren. Gerade dann, wenn man allein Bahn fährt.

            • Finde ich nicht. Meine desöfteren auftretende Unhöflichkeit soll sich ja auch entschuldigen lassen.
              Man kann ja auch nicht immer nur zu Hause bleiben, nur weil man langsam im Kopf ist oder psychosoziale Probleme hat.
              Und nicht jeder kann sich eine entschuldigende oder kommunikationsübernehmende Begleitpersonen bieten.

    • Namenslos
    • 16. November 2011

    Irgendwie hat da jeder an sich gedacht. xD

    • natürlich. wer nicht an sich selbst, sondern nur an andere denkt, hat auch so ein ungesundes Syndrom..

        • Namenslos
        • 16. November 2011

        das bestreite ich nicht.^^

  2. DAS, genau DAs ist auch so ein guter Grund nicht mehr mit der Bahn zu fahren. Auch nicht soziophobe Menschen können da leicht bis mittelschwer aggressiv werden. Damals als ich noch öfter fuhr war dieses Sitzplatzreservieren noch nicht so üblich und man kam noch mit dem gesunden Menschenverstand weiter. Eben so lange sitzen zu bleiben bis eine bedürftige Rentnerperson, Schwangere etc. den Platz dringender bedurften. Aber dies geht heute alles nicht mehr. Die reservierten soziophoben Mittdreißiger in der Blüte ihrere Lebenskraft haben ja ein Recht auf ihren Platz, da muss der Rentner dann hoch egal, er hätte ja ebenfalls einen und so weiter…….WAS für ein SCHEIß

    • Naja, so schlimm ist es auch nicht immer. Klassischerweise sind es meist männliche Teenager, die die bedürftigen konsequent ignorieren. Vor allem so ungebildete Technofans *klischee, klischee*

    • mavy
    • 17. November 2011

    Wenn ich auf dem Arbeitsweg den erniedrigenden Kampf der Mitreisenden sehe, wie sie im Regio, Bahn oder Tram zu einem freien Sitzplatz hetzen, belustigt mich dies. Bei einer Fernreise erkaufe ich mir eine Sitzgelegenheit und möchte die auch gern wahrnehmen. Ja, der Rentner, die Schwangere hätte auch reservieren können. Tue ich es nicht, sollte ich in heutigen Zeiten keine Freundlichkeiten erwarten. Und erwarte auch nicht.

    • Bahnfahren ist in vielerlei Hinsicht immernoch nervenschonender als Autofahren oder Fliegen und alles Reisen ist kein Problem, wenn man ein mäßig bepackter, gesunder junger Mensch ohne kleine Kinder ist.
      Ist man das nicht, sollte man sich die Familienreservierung (2 Erwachsene, 3 Kinder) für fünf Euro schon mal gönnen.
      Wär nur schön, wenn die Reservierungsdaten auch wirklich immer erscheinen würden und ich nicht rumstammeln müsste: „jaja, da oben stehe ich nicht dran, aber im Rucksack hab ich so nen Ausdruck.. jetzt glauben Sie mir doch einfach mal, dass ich reserviert hab..“

      • ….das würde ich mir NIE freiwillig antun. dann lieber trampen auch mit den kindern (ein witz oder doch nicht) 😉

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