Standesdünkel und der überzogene Mietspiegel

Die Wohnfrage ist die drängendste in dieser Stadt. Die, die sich noch nicht mit einer Schlafstadtbehausung zufrieden gegeben haben oder durch einen dicken Lohnbeutel oder großes Glück eine schöne Wohnung in einem lebendigen Stadtteil ihr Mieteigen nennen dürfen, tauschen sich behende über ihre wachsenden Verzweiflungen aus.
In einer Stadt voller aufgehübschter Kasernen und profitabler Neubauten scheint für Menschen mit Monatseinkommen unter 1000 Euro kein Platz. Selbst das aussenliegende Plattenbauviertel Drewitz soll zu einer sanierten „Gartenstadt“ werden, die willigen Investoren sind genervt, dass die bisherigen Bewohner die vermeintliche Verbesserung gar nicht wollen.


Aus besagtem Drewitz kam auch der Mann mit der tätowierten Rose auf der Hand. Ich sah diese, seine Hand mehrfach, da er alle paar Minuten einer meiner Töchter übers Haar wuschelte, wobei er grinste und versicherte, „einen Draht zu Kindern zu haben“.
Er sagte noch, man sähe mir an, dass ich aus dem Plattenviertel vor Drewitz käme, das schon ein wenig bürgerlicher, weil zentraler und sanierter ist. (und dann sülzte er die Kinder endlos zu. Eine Gutbürgerliche saß gegenüber und guckte irritiert, ich aber war froh über den freilaufenden Unterhaltungskünstler – nach 40min. schlecht gelaunte Kinder-Rumschleppen war meine Sülzkraft am Ende. Die Situation war mal wieder grenzwertig, man hätte auch den Herren zurechtweisen können von wegen „du hast doch Alk getrunken und fühlst dich besonders wichtig“, aber da die Kleine ihn witzig fand und die Große zumindest nicht völlig blockierte..)
Das Plattenviertel, in dem ich mietwohne, ist eine Schlafstadt, spätestens seitdem das „Center um die Ecke“ gebaut wurde. Kürzlich hörte ich zwei Ommen sagen: „hier is ja nix los. nich mal ne Jaststädde. früher konnte man hier Tanztee machen, jezz is allet tod.“
Und Recht ham se mal wieder.
Deshalb ist schon dieses Wohngebiet für die charmanten Künstler aus den Altbauvierteln ein Graus. Nicht zu unrecht geht also die Angst um die Gentrifizierung umher.


Standesdünkel allerorten. Dort möchte man zwar den „Sozialschwachen“ helfen, aber doch lieber nicht mit ihnen Nachmittage verbringen. Hier möchte man zwar selbst gern aufsteigen, aber lieber doch nicht mit den Gebildeten zusammensitzen.
Während also der Drewitzmann meine Kinder zusülzte und die Frau, die den guten Arbeitsplatz zu haben schien und sich in nicht-überteuerten Städten längst eine bessere Wohngegend geleistet hätte, schaute, als wäge sie permanent ab, Zivilcourage zu zeigen oder doch lieber abzuwarten.. dachte ich an Charlotte. Wie sie mir ihren niedlichen Hintern zuwendet und erklärt, ganz froh zu sein, dass gewisse Eltern meines Viertels nicht in ihre Kurse kämen, sondern „rumkurvten und roochten“. Wie ich ihr gestehe, Vorurteile gegenüber ihrer arbeitgebenden Einrichtung gehabt zu haben, die dazu führten, dass ich mein Kind nicht dort anmelden wollte, nun aber bald mal nachmittags vorbeisehen wolle. Wie ihre Wohnungssuche sich auf die Überlegung kapriziert, ob man mit Kleinkind über einer Schokoladenmanufaktur wohnen könne.
Daher zog Frieden in mein Hirn ein. Charlotte und ihresgleichen sahen mir nicht an, dass ich im Plattenbau wohne. Wie kam der Drewitzmann nur darauf ? Oder meinte er das im Sinne von „deine Klamotten sind nicht grell genug für Drewitz“ ? Und überhaupt, das ist ja keine Beleidigung, auch wenn die Altbaubewohner meist entsetzt aufhorchten, wenn ich mein Wohnviertel nannte.
Ich habe halt mein „Recht auf Stadt“ aufgegeben, na und ?

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    • Namenslos
    • 18. November 2011

    Da es irgendwie dazu passt: Gestern hab ich mir die Geldkosten für wohnen in Wien angesehen… Einzimmerwohnung, ungefähr 28 m², Kaltmiete für ungefähr 400 € und nicht zu vergessen die Kaution 1000 € (mehr oder weniger). Anstatt dass diese von 250 – 300 € kosten sollte, ist sie so überteuert oder ist das wirklich ein ordentlicher Normalpreis für solch ein Angebot?

    • Na, das ist wirklich mal überteuert. Es sei denn, alle Möbel und die Mietgliedschaft (oh, ein Freudscher Tippfehler!) im Wellnessclub sind inklusive, aber dann wär es ja keine Kaltmiete mehr *lach*

      Für ein WG-Zimmer oder Studentenappartement mit Gemeinschaftsküche würde ich nicht mehr als 250 zahlen, für ne 1-Raum-Wohnung mit eigener Küche und Bad nicht mehr als 350 warm.
      Aber das bleibt jedem selbst überlassen, offensichtlich können sich ja einige die Riesenmieten leisten, sonst gäbe es die wohl nicht..

        • Namenslos
        • 18. November 2011

        Ich finde das auch zu überteuert und ich bin kein Geizkragen. Die haben ja nicht mehr alle Tassen im Schrank. Alles wird überteuert und trotzdem hat der Staat angeblich kein Geld.

        • Die wenigstens Wohnungen gehören ja noch dem Staat 😉

            • Namenslos
            • 18. November 2011

            frag mich nicht, was mit unserem Geld passiert. ich weiß nur, dass wir die Hälfte unseres Lebens für den Staat arbeiten.^^

            • na, wir zwei bisher noch nicht und was noch kommt.. wer weiß das schon.

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