Ein Eindruck nach dem Zirkus

„Wir leben in einer sehr modernen Welt, jeder kann sich mit Büchern, Internet und Fernsehen informieren.“, hatte die Zirkusmoderatorin gesagt. „Aber die echten Erfahrungen, die sind doch sehr viel mehr wert als trockene Fakten – deshalb verpassen Sie nicht die Chance, großen Tieren mal ganz nah zu kommen. Sie können alle anfassen und streicheln, außer natürlich die Tiger.“
Die ganze Vorführung über streute sie ab und an Reden ein, die die hohen Eintrittspreise rechtfertigen („wir sind nicht subventioniert, wie in anderen Ländern, wir müssen in jeder Stadt satte Vorleistungen erbringen“), die die Panik vor einem Verbot von Wildtierauftritten widerspiegelten („unsere Tiere sind von so und so viel Experten überwacht“) und überhaupt gegen die Ahnung ankämpfen sollten, dass es sich um eine überkommene Institution handelt, die in dieser Form schon bald aussterben wird, so wie die Völkerschauen des letzten Jahrhunderts.


Als Kind fand ich Zirkusaufführungen großartig, damals langweilten mich allenfalls die langen Nummern stets ähnlicher Artisten. Damals hatten die Pferde noch Püschel auf dem Kopf und die Elefanten so bunte Decken auf dem Rücken. Es wurde noch nicht so krampfhaft versucht, Zusatzeinnahmen zu generieren.


Dieses Jahr starrten die Kinder sich neidisch auf Zuckerwatte, Popcorn, Gummibärchen und Lichtschwerter, die Konzentration hielt bei vielen nicht bis zum Ende der Vorstellung – vielfach wurde geklettert, gesungen und mit Schwertern und Zuckerwattestäbchen gefuchtelt.
Im Vorfeld sagte ich noch in einem Smalltalk über die aktuelle Diskussion in der Politik: „Ach, das ist doch ein Randproblem. Wer hat schon ein Nashorn in einem Zirkus. Habe das noch nie gesehen, kommt doch nicht mehr vor, kann sich eh keiner leisten.“
Und dann erschien kurz nach den Tigern (deren Knurren und Gepeitschtwerden mir falsch vorkam) ein Nilpferd. Dann ein Nashorn. Ungeschmückt gingen sie im Kreis umher und stiegen für einen Apfel auf einen Hocker.

Lohnt das den Transport dieser Tiere ? Das Blenden mit den Scheinwerfern ? Ist das denn sinnvoll vom Kosten-Nutzen-Aspekt her ?

Würdet ihr nicht auch auf dem Basar der Erfahrungen „einmal ein Nilpferd angefasst haben“ tauschen wollen gegen:
einen achtfachen Orgasmus ? einen Drogenrausch ohne Nachwirkungen ? eine natürliche, mäßig schmerzhafte Geburt ? einen Kampfrausch ?

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  1. schwieriges thema. ich hab den zirkus nie sonderlich gemocht als kind und nun da er auszusterben droht finde ich das schade und bedauerlich. ich mochte diese zirkusclowns früher nicht, heute weiß ich um das große potenzial der clownerie und der narrenweisheiten, die sich hinter roten nasen versteckt. akrobaten sind schön anzusehen, aber die sterben auch nicht aus, diese art kleinkunst findet neue wege. die tiere, ja die wird es so im zirkus bald nicht mehr geben, aber möglicherweise ist das besser so. ich muß kein nilpferd angefasst haben, da ziehe ich die multiplen orgasmen vor. ich glaube das der zirkus schon neue weg findet, einige haben sich schon umgestellt: kinderzirkusprojekte gibt es mittlerweile an jeder grundschule, meine haben da schon drei mal mittgemacht. das war ein richtig tolles projekt bei dem die kinder in der manege standen und das zelt war ausverkauft.und der zirkus ausgebucht auf zwei jahre.

    http://www.projektcircus.de/

    • ja, der Gedanke war mir auch gekommen, das spaltet sich m.E. wieder so nach Schichten:
      °die Gebildeten fahren auf Kleinkunst ab und erlernen es bzw. schicken ihre Kinder – der Kinderzirkus in Potsdam ist auch überlaufen – und wo man einen Teilnehmer kennt, da geht man auch hingucken
      °die weniger Bildungshungrigen suchen Sensationen und Attraktionen, die immer krasser sein müssen und nicht mehr von wandernden Wirtschaftsunternehmen zu bringen sind.

  2. Zirkus? Weg mit dem Dreck! Das braucht man wie die FDP.

    • Arnold Bathurst
    • 27. November 2011

    Bei uns auf dem Dorf gab es, da ich ein Knabe war und in den Armen der Götter schlief, auch manchmal Zirkus, dahin mich meine Eltern, Daddy-O und Big Mama, immer schleppten. Leider hatte ich als Kind immer Probleme mit der Magengegend, weil ich dereinst so viel Angst immer vor allem hatte. Man setzte mich auf das Pferd mit Püschel und dann kotzte ich den Rücken des Tieres leider voll. Aber traurig freilich, dass der klassische Zirkus schwindet. Da überkommen mich so schmerzhafte, soziologische Begriffe wie Rationalisierung, Globalisierung, Differenzierung, Kapitalisierung und und und. Aber ich halte die Stellung, Freunde, gegen alles Moderne und Anti-Provinzielles.

    • Man wünscht sich oft, ein Gott errettete einen, fürwahr.
      Dies passiert zu selten, da hilft alles Hölderlin-Lesen nichts.
      Ich sprach also gestern zu meiner Tochter: „ich werde nicht fünf Euro für den Elefantenritt bezahlen und dann traust du dich sowieso nicht hoch. Nebenbei bemerkt, ich würde mich auch nicht trauen.“
      Dann gingen wir, wohl ohne ein LED-Schwert gekauft zu haben.
      Heute überlaufener historisierender Weihnachtsmarkt: und was war.. schon wieder Knabe mit Lichtstab. Und kein Rankommen an den Glühbierstand.

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