In Memoriam : meine lebensfroh gewesene Schulfreundin

[ Ein pathetischer Nachruf. Vornamen nicht geändert, weil mir das unangebracht scheint. Es wird ja niemand beleidigt.

Hat jemand Ähnliches erlebt oder einen Verarbeitungstipp ? ]

Liebe Ulli,

fünf Jahre ist es jetzt her, dass ich einen unerwarteten Anruf aus meiner alten Heimat erhielt. Unsere gemeinsame Freundin D. (mit der du mich überhaupt erst bekannt gemacht hattest, danke dafür) fragte mich, wann ich dich das letzte Mal gesehen hätte. Ich antwortete, dass ich dich vor Monaten mal fast in Halle getroffen hätte, du aber an jenem Abend dann doch lieber zu deinem damaligen Geliebten gegangen wärst. Bei der Gelegenheit hätte ich das letzte Mal mit dir telefoniert.

„Wieso“, fragte ich D., „ist die Ulli jetzt nicht mehr ?“ –

daraufhin erzählte mir D. deine Krankengeschichte, die mit einem gutartigen Tumor im Kopf begann und mit einem Fall aus dem fünften Stock einer Magdeburger Klinik endete. Ich erinnerte mich, wie du bereits in unserem letzten gemeinsamen Schuljahr über Hörprobleme und unerklärliche Kopfschmerzen klagtest.

Nach dem Telefonat legte ich mich aufs Bett und starrte erinnerungsvoll vor mich hin. Dein Freitod durchbrach mein Muster von “ aus erster Hand beschriebenen Selbstmorden“, da es sich bis dahin stets um Mütter gehandelt hatte, oder um deren Mütter, sowas wird ja quasi vererbt.

Ich hatte nichts zu tun, war schon seit Wochen im Mutterschutz (nicht wirklich, als Studentin hat man den ja gar nicht offiziell) und wartete aufs Gebären. Das war auch der Grund, warum ich zu deiner Beerdigung nicht gefahren bin, wofür ich mir bis heute in den Ars** beiße.

Denn durch meine Abwesenheit bei deiner Trauerfeier blieb dein Tod ein abstrakter und bis vor einem halben Jahr erschienst du regelmäßig in meinen nächtlichen Träumen, um mir kurz zu erklären, du hättest den Suizid nur vorgetäuscht und wärst nun wieder da, um Abenteuer mit mir zu erleben.

Hätte mir nur jemand gesagt, dass Geburtswehen in den meisten Fällen erst dann einsetzen, wenn die Mutter in spe innerlich und äußerlich ausgeruht ist, oder überhaupt, dass die Geburt erst 8 Tage nach deiner Beisetzung stattfinden würde…

Ich hatte mir erhofft und ausgemalt, näher dran Wohnende und fittere Gutbekannte würden zur Trauerfeier gehen, aber niemand war gegangen. Das kann ich nicht nachvollziehen. Vermutlich habe ich ein größeres Interesse an so Abschnittsfeiern als andere.

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    • mavy
    • 1. Dezember 2011

    Diesen Sommer mussten alle irgendwie verreisen, statt sich noch einmal Zeit zu nehmen für einen Menschen, dessen Lebensuhr kurz vor dem Stillstand stand. Aber zur Beerdigung wollten ‚die‘ dann doch alle kommen und waren entrüstet, dass sie nicht durften. Das war aber ein Wunsch der Gegangenen….vielleicht hat der Brief schon geholfen, vielleicht fährst Du zum Grab, erinnerst Dich mit gemeinsamen Freunden.Verabschiede Dich. Ein ultimatives Rezept gegen Dein Gefühl gibt es nicht. Akzeptiere es…und mach es beim nächsten Mal anders. Irgendwann wird es ein nächstes Mal geben.

  1. Naja, Ähnliches erlebt… ja, aber eigentlich doch wieder nicht. Ich war hochschwanger, als sich meine Lieblingsgroßmutter erhängte. Ich habe — in Sorge um mein ungeborenes Kind — einen Großteil der Gefühle verdrängt. Ich war wie erstarrt und ausgetrocknet, habe nicht trauern können. Vielleicht ist das das Ähnliche: ich habe es bis heute nicht verarbeitet. Aber ich will die Aufmerksamkeit hier nicht auf mich lenken; ich möchte Dir mein Mitfühlen ausdrücken.

  2. Hm, interessant, danke euch beiden !

  3. Ich muss gestehen, dass ich mich nicht mehr an ihren Todestag erinnert hätte… zur Beerdigung ging ich auch nicht – ich glaube deshalb, weil es mir unangebracht erschien. Immerhin habe ich mit ihr nie soo viel zu tun gehabt und kannte null von der Familie… nun ja, ich ärgere mich auch heute noch.
    PS: ich wusste gar nicht, dass sie Kopfschmerzen und Hörprobleme hatte 😦 tja. Irgendwie waren wir nie auf eine Wellenlänge. Schade eigentlich.

    • Grimassiertes Stundwissen
    • 1. Dezember 2011

    „Hätte mir nur jemand gesagt, dass Geburtswehen in den meisten Fällen erst dann einsetzen, wenn die Mutter in spe innerlich und äußerlich ausgeruht ist, oder überhaupt, dass die Geburt erst 8 Tage nach deiner Beisetzung stattfinden würde… “
    – du machst dir deshalb aber keine Vorwürfe, oder!?
    – Falls doch:
    1.) in den meisten Fällen, wie Du sagst – es ist also nicht sicher. Und da Du 2.) nicht vorhattest im unerwünschten Fall auf das Geburtshaus und die bereits bekannten Hebammengesichter zu verzichten und du 3.) generell unsichere Situationen meidest… (Ich weiß zwar nicht, wie realistisch der Fall in dem Film „The Bubble“ (dt. Titel: „Eine Liebe in Tel Aviv“) dargestellt wurde, aber da hat die Frau ihr Kind während einer Grenzkontrolle im Gazastreifen bekommen – handelt es sich hier auch um einen ungünstigen, nicht vorgesehenen Zeitpunkt. Es war auch deine erste Niederkunft. Du konntest nicht anders entscheiden, mach dir keine Vorwürfe! Es ist auch nicht gesagt, dass Ulis Tod realer geworden wäre, wenn Du zu der Trauerfeier gegangen wärest.

  4. eine welt ohne trauerzeremonien und ohne monente des bewussten abschiednehmens ist eine armselige welt….passt natürlich zum zeitgeist alles huschi wuschi, nur keine zeit einplanen nur keine hände schütteln, sich nichts zumuten und auch keine zumutung sein. mir tun menschen leid, die sich immer wieder aus falsch verstandener pietät um die elementaren momente des lebens (drücken).

  5. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie hilfreich ein offizieller Abschied ist und kann auch nachvollziehen wie du dich fühlst/gefühlt hast ohne diesen Abschied. Aber wie heißt es doch: die Zeit heilt alle Wunden. Und so ist es auch, so dämlich dieser Spruch auch klingen mag.

  6. Vielen Dank für eure aufmunternden Worte.
    Der Brief und die Zeit haben tatsächlich verarbeitend gewirkt.

    Gibt es eigentlich noch den Beruf des Klageweibs ?
    Könnte mir den als Nebenjob vorstellen, mich nimmt nämlich jede Trauerfeier mächtig mit, da könnte ich doch meine Heuldienste für die anbieten, die auf schnell-schnell-niemals-innehalten aus sind ..

    • silberträumerin
    • 4. Dezember 2011

    als mein bruder starb, habe ich auch alle gefühle unterdrückt und alles ganz weit weg geschoben. ich war zwar auf seiner beerdigung, aber hatte mich innerlich so weit distanziert, dass eigentlich nicht mehr als mein körper anwesen war.

    jahre später habe ich mich mit dieser „geschichte“ auseinandergesetzt. ich bin oft an seinem grab gewesen, habe fotos und erinnerungsstücke angeschaut, viele briefe an ihn geschrieben…

    manchmal vermisse ich ihn noch immer und ich denke, es ist auch normal. aber ich habe meinen frieden damit gefunden. es war eine grässliche zeit, damals, während er krank war, und die erinnerungen daran werden niemals schön werden. aber – es ist okay. nicht okay im sinne von „schön“, sondern eher im sinne von „es ist eben so gewesen, er ist gestorben.“

    ich habe lange gebraucht, und immer wieder phasen durchlebt, in denen ich heftig um ihn getrauert habe. ich denke, genau das ist es aber gewesen, was mir geholfen hat, damit zurecht zu kommen: die gefühle zulassen, die erinnerungen zulassen. auch wenn es weh tut und schmerzt. irgendwann wird es dann „okay“.

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