In Memoriam : meine lebensfroh gewesene Schulfreundin

Immerhin hat meine Mutter deine Todesanzeige aus der Lokalzeitung ausgeschnitten. Ich finde Wort- und Motivwahl recht gelungen, eine Rose und ein sinngemäßes „Es kommt nicht darauf an, wie lang mein Leben war, sondern wie bunt und schön.“
Es war dann, glaube ich, schon Februar, als mich D. das erste Mal an dein Grab führte. Ich hätte gewünscht, mein stets gefühlskalter und mich in unterwürfige Überkontrolliertheit versetzender damaliger Mann hätte nicht daneben gestanden, auch kam ich mir seltsam vor, neben deiner zufällig anwesenden Schwester, mit meinem Baby dabei und der Marie P. auch noch anwesend, die ich seit Kindergartenzeiten nicht leiden konnte, aber immerhin konnte ich einen Blick aufs Grab werfen. Da ist so ein Foto im Stein, das dich ganz treffend abbildet.
Deine Schwester sagt : „das [mit dem Freitod] hätte nicht sein müssen“, und ich bin mir nicht so sicher. Die Schwester eines Ex-Parteigenossen und kurzzeitigen Bettgenossen von mir hat ein Foto und einige leichte, lyrische Worte zwischen deinen Grabschmuck gestellt –
wie klein doch unsere Welt war.
Und, mein Gott, ja, wie schön und bunt dein Leben war.
Soviel gefeiert und Leute kennengelernt, wie du, habe ich noch immer nicht. Wie du zu jedem freundlich warst, gleich welcher Szene er oder sie angehörte, gleich wie sehr andere ihn oder sie mobbten, hat mich schwer beeindruckt.
Du hattest mir Vieles voraus, ob triviale Dinge, wie ein Supernintendo (das wir morgens noch schnell vor der Schule spielten) oder Existenzielleres, wie einen (mit Verlaub) überheblichen, cholerischen Stiefvater. Auch die Feststellung, dass man sich das Leben / Geborenwerden nicht aktiv ausgesucht hat, hast du bereits im Grundschulalter mit mir geteilt. Du hattest sogar eher und intensiver Liebeskummer und hast so gewisse Aktionen gewagt, deren Sinn sich mir damals nicht erschloss, wie sich ein „S“ für Serkan in den Arm zu ritzen, obwohl jener dich nur schnell mal..
Na, lassen wir das.
Im Gegensatz zu mir warst du nie länger als ein paar Tage trübsinnig und im Gegensatz zu manch Anderen, die sich gern aufstylen und kesse Sprüche machen, hast du dabei nicht die Selbstironie vergessen.
In der 3. bis 7. Klasse (oder so) habe ich dir zu Liebe viel mitgemacht und öfter elterlichen Anschiss kassiert, weil ich schon damals zu selten effizient nein sagen konnte. Unvergessen, wie ich grummelnd neben dir auf der Parkbank saß, jeder ein Brötchen und eine Coladose in der Hand und moniere: „warum sind wir eigentlich raus gegangen, wenn wir uns hier auch nur langweilen ? ich hätte mich in meinem Zimmer sehr gut alleine beschäftigen können.“

    • mavy
    • 1. Dezember 2011

    Diesen Sommer mussten alle irgendwie verreisen, statt sich noch einmal Zeit zu nehmen für einen Menschen, dessen Lebensuhr kurz vor dem Stillstand stand. Aber zur Beerdigung wollten ‚die‘ dann doch alle kommen und waren entrüstet, dass sie nicht durften. Das war aber ein Wunsch der Gegangenen….vielleicht hat der Brief schon geholfen, vielleicht fährst Du zum Grab, erinnerst Dich mit gemeinsamen Freunden.Verabschiede Dich. Ein ultimatives Rezept gegen Dein Gefühl gibt es nicht. Akzeptiere es…und mach es beim nächsten Mal anders. Irgendwann wird es ein nächstes Mal geben.

  1. Naja, Ähnliches erlebt… ja, aber eigentlich doch wieder nicht. Ich war hochschwanger, als sich meine Lieblingsgroßmutter erhängte. Ich habe — in Sorge um mein ungeborenes Kind — einen Großteil der Gefühle verdrängt. Ich war wie erstarrt und ausgetrocknet, habe nicht trauern können. Vielleicht ist das das Ähnliche: ich habe es bis heute nicht verarbeitet. Aber ich will die Aufmerksamkeit hier nicht auf mich lenken; ich möchte Dir mein Mitfühlen ausdrücken.

  2. Hm, interessant, danke euch beiden !

  3. Ich muss gestehen, dass ich mich nicht mehr an ihren Todestag erinnert hätte… zur Beerdigung ging ich auch nicht – ich glaube deshalb, weil es mir unangebracht erschien. Immerhin habe ich mit ihr nie soo viel zu tun gehabt und kannte null von der Familie… nun ja, ich ärgere mich auch heute noch.
    PS: ich wusste gar nicht, dass sie Kopfschmerzen und Hörprobleme hatte 😦 tja. Irgendwie waren wir nie auf eine Wellenlänge. Schade eigentlich.

    • Grimassiertes Stundwissen
    • 1. Dezember 2011

    „Hätte mir nur jemand gesagt, dass Geburtswehen in den meisten Fällen erst dann einsetzen, wenn die Mutter in spe innerlich und äußerlich ausgeruht ist, oder überhaupt, dass die Geburt erst 8 Tage nach deiner Beisetzung stattfinden würde… “
    – du machst dir deshalb aber keine Vorwürfe, oder!?
    – Falls doch:
    1.) in den meisten Fällen, wie Du sagst – es ist also nicht sicher. Und da Du 2.) nicht vorhattest im unerwünschten Fall auf das Geburtshaus und die bereits bekannten Hebammengesichter zu verzichten und du 3.) generell unsichere Situationen meidest… (Ich weiß zwar nicht, wie realistisch der Fall in dem Film „The Bubble“ (dt. Titel: „Eine Liebe in Tel Aviv“) dargestellt wurde, aber da hat die Frau ihr Kind während einer Grenzkontrolle im Gazastreifen bekommen – handelt es sich hier auch um einen ungünstigen, nicht vorgesehenen Zeitpunkt. Es war auch deine erste Niederkunft. Du konntest nicht anders entscheiden, mach dir keine Vorwürfe! Es ist auch nicht gesagt, dass Ulis Tod realer geworden wäre, wenn Du zu der Trauerfeier gegangen wärest.

  4. eine welt ohne trauerzeremonien und ohne monente des bewussten abschiednehmens ist eine armselige welt….passt natürlich zum zeitgeist alles huschi wuschi, nur keine zeit einplanen nur keine hände schütteln, sich nichts zumuten und auch keine zumutung sein. mir tun menschen leid, die sich immer wieder aus falsch verstandener pietät um die elementaren momente des lebens (drücken).

    • Herr Teddy
    • 1. Dezember 2011

    Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie hilfreich ein offizieller Abschied ist und kann auch nachvollziehen wie du dich fühlst/gefühlt hast ohne diesen Abschied. Aber wie heißt es doch: die Zeit heilt alle Wunden. Und so ist es auch, so dämlich dieser Spruch auch klingen mag.

  5. Vielen Dank für eure aufmunternden Worte.
    Der Brief und die Zeit haben tatsächlich verarbeitend gewirkt.

    Gibt es eigentlich noch den Beruf des Klageweibs ?
    Könnte mir den als Nebenjob vorstellen, mich nimmt nämlich jede Trauerfeier mächtig mit, da könnte ich doch meine Heuldienste für die anbieten, die auf schnell-schnell-niemals-innehalten aus sind ..

    • silberträumerin
    • 4. Dezember 2011

    als mein bruder starb, habe ich auch alle gefühle unterdrückt und alles ganz weit weg geschoben. ich war zwar auf seiner beerdigung, aber hatte mich innerlich so weit distanziert, dass eigentlich nicht mehr als mein körper anwesen war.

    jahre später habe ich mich mit dieser „geschichte“ auseinandergesetzt. ich bin oft an seinem grab gewesen, habe fotos und erinnerungsstücke angeschaut, viele briefe an ihn geschrieben…

    manchmal vermisse ich ihn noch immer und ich denke, es ist auch normal. aber ich habe meinen frieden damit gefunden. es war eine grässliche zeit, damals, während er krank war, und die erinnerungen daran werden niemals schön werden. aber – es ist okay. nicht okay im sinne von „schön“, sondern eher im sinne von „es ist eben so gewesen, er ist gestorben.“

    ich habe lange gebraucht, und immer wieder phasen durchlebt, in denen ich heftig um ihn getrauert habe. ich denke, genau das ist es aber gewesen, was mir geholfen hat, damit zurecht zu kommen: die gefühle zulassen, die erinnerungen zulassen. auch wenn es weh tut und schmerzt. irgendwann wird es dann „okay“.

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