Von Gurus, sinnsuchenden Deutschen und altindischen Geschichten

Wer sich schon immer gefragt hat, was manche Mitmenschen in Yoga-Studios, indische Bibliotheken und spirituelle Seminare treibt, findet in dem Buch „Yoga-Geschichten“ einige Antworten. Es ist im Schirner-Verlag erschienen, der sich auf Bücher spezialisiert hat, die „begeistern und das Leben ändern.“

Der Autor Bernd Balaschus berichtet darin von seiner eigenen Sinnsuche, die ihn in den 1980ern nach Indien verschlug und versucht nunmehr, dem geneigten Leser die während seiner Reisen gewonnenen Erfahrungen und Ratschläge näherzubringen. Als Herausgeberin fungiert dabei die freie Journalistin und Ethnologin Doris Iding, die dem Autor nur „kleine Kurskorrekturen“ empfehlen musste und eine schöne und fröhliche Zeit während der Zusammenarbeit mit Balaschus hatte.
Das Vorwort der Herausgeberin schliesst mit der berühmt gewordenen Formel „OM shanti“, die auch alsbald in der eigentlichen Einleitung des Buches wiederkehrt. Der Leser hat zu dem Zeitpunkt, da er das zweite Mal „OM shanti“ liest, bereits Bekanntschaft mit dem großen Wunsch der Buchschaffenden gemacht, eine Welt von allumfassender Weisheit, Friede und Gutmütigkeit zu kreieren.

Für Menschen, die nicht an die prinzipielle Möglichkeit einer von allen Übeln befreiten Welt glauben, lohnt es sich allenfalls das Buch kurz anzulesen, denn man erfährt, wie und warum sich manche Mitmenschen ins Esoterische und / oder Fernöstliche flüchten, nachdem sie bemerkten, dass der Individualisierungswahn dem „natürlichen“ menschlichen Wesen widerspricht.
Der Mensch, so führt Balaschus aus, sehnt sich instinktiv danach, etwas für ein größeres Ganzes zu tun, für „die Gesellschaft“ oder „das Göttliche“. Viele suchen an diesem Punkt nach einem Lehrer, um sich selbst zu verbessern – eine Suche, zu der der Autor keine Alternative aufzeigt. Die Hingebung zu einem Guru scheint unumgänglich. Mir erscheint sie aber auch gefährlich, denn Machtmissbrauch ist auch durch angeblich Erleuchtete und Inder möglich.

Wenn die Tat wichtiger ist, als der Lohn dafür, nennen indische Lehren das „absichtsloses Tun“, der stinknormale Deutsche würde sagen: „der Weg ist das Ziel“ und fast jeder Erwachsene hat schon irgendwann mal erlebt, wie er in einer Tätigkeit vollkommen aufging und sich sehr wohl dabei fühlte.

Balaschus bringt dem Leser anschaulich und und schlüssig gegliedert indische Weisheiten und Geschichten näher. Der Wechsel von Theorie und Anekdote sorgt für einen relativ lockeren Lesefluss. Man darf beim Lesen allerdings nicht abgelenkt sein oder zu viele kleine Pausen machen, denn die angespannten Wortgruppen („spiritueller Weg“, „vollkommene Hingebung“) verlangen eine gewisse Konzentration. Die „Yoga-Geschichten“ sind keine leichte Lektüre und von daher ein Buch für Alleinwohnende und Kinderlose.

Stutzig macht, wie der Autor zwar jede Menge Selbstkritik übt (im Sinne von „damals war ich jung, unerfahren und ungeduldig“), aber kritiklos und ohne das im Klappentext angekündigte Augenzwinkern alles Indisch-Religiöse glorifiziert.

Am Ende des Buches wird ein Guru zitiert, welcher rät, nur das zu glauben, was nach eigener Erfahrung und Untersuchung und mit dem eigenen Verstand stimmen kann. Dies scheint mir ein sehr versöhnlicher Satz zu sein, dennoch stimmt es mich traurig, dass für die im Buch erwähnten Alltagsweisheiten und Menschenkenntnisse von vielen Menschen erst fernöstliche Ratschläge eingeholt werden müssen.
Warum dieses Misstrauen in die heimischen Menschen und deren Überlieferungen ? Wenn alle Götter eins sind und alle Menschen im Grunde gleich fühlen, egal wann und wo sie leb(t)en, warum muss dann erst die heiße Sonne von Goa auf gewisse deutsche Individuen fallen, damit sie auf „das größere Ganze“ vertrauen können ?

Dies beantwortet mir das Buch nicht, auch wenn es noch so einfühlsam in Wort und Farbe gestaltet ist.

p.s.: Vielen Dank an bloggdeinbuch.de für die Vermittlung.

Advertisements
    • Arnold Bathurst
    • 14. Dezember 2011

    Oh Gott, ich sollte meinen Vortrag machen und hänge noch immer im Netz ab, aber: Gibt es so etwas wie eine Plattform, da man Bücher gratis bekommt, wenn man sie auf seinem Blog rezensiert?

    • Na genau, so funktioniert das. Man hat dann ab Erhalt 30 Tage Zeit zum Darüberschreiben. Man hat aber nur eine begrenzte Auswahl an Büchern, nämlich nur die, wo sich ein Verlag grad dachte: machmer mal ne Promotionaktion.

  1. 12. Februar 2012

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: