Egon und der Fuckyou-Finger

Eine kleine Geschichte nachträglich zum Valentinstag.
Vorsicht rüde Ausdrücke und schlimme Charaktere.
Nichts für Minderjährige.

Es war wieder ein Dienstag, als Egon im Zwiespalt war. Mit dem Bus wollte er zu Richard fahren, wie jeden Dienstag. Richard war ein Guter. Ja, ein guter, aufrichtiger Mensch. Nicht so wie die meisten, die Egon täglich sehen musste. „Alles Heuchler und Opportunisten !“, schimpfte Egon oft.
Heute jedoch war Egon mild gestimmt, er hatte ein gutes Buch gefunden. „Das ist mal ein aufrichtiges Buch, nicht so ein billiger Kram, der seinem Autor schnelles Geld bringen soll.“, fand Egon und das bewog ihn zu einem Grinsen. In einigen der dargebotenen Kurzgeschichten entdeckte sich Egon sogar wieder. Zum Beispiel „hier, der Videoladenverkäufer, das könnte ich sein. Wird von seiner Alten verlassen und weiß gar nicht warum. Hat doch alles richtig gemacht, der Typ. Sogar ihren Fick mit dem Nachbar toleriert. Undankbare Weiber.“

Dann kam der Bus, Egon musste eilig aufspringen, um noch reinzukommen, so sehr war er in seine Lektüre vertieft gewesen. Im Bus drin wählte Egon einen Vierersitz, er hatte gern viel Platz für seine Beine. An der nächsten Haltestelle stieg dann eine junge Frau ein, die in Egons Kopf „Sophie oder Marie“ hieß, „wie die ganzen verwöhnten Gören heutzutage.“
Egon mochte keine jungen Menschen denen „alles in den Arsch geschoben wurde“, denen „Mami und Papi immer alles recht gemacht hatten“. Aber die Sophie sah er trotzdem länger an. Es war eine Hübsche. Eine von diesen Rothaarigen, bei denen Egons Puls schneller schlug. Sie hatte sich für ihren Gymnasialtag zurecht gemacht und Egon konnte kein optisches Manko entdecken. „Eins muss man der Jugend lassen“, dachte Egon, „die kennen sich mit dem Aufhübschen aus.“

Wortlos setzte sich die Rothaarige auf den Platz gegenüber von Egon und er zog irritiert seine Beine ein. „Hätte wenigstens mal freundlich lächeln können, die Schnepfe.“ – Egon fühlte sich eingequetscht. Aber er sagte nichts und fuhr fort, Sophie zu studieren.
Durchgestufte kirschrote Haare mit aufwendigem Seitenscheitel. Perfekt aufgetragene Wimperntusche. Bescheiden-verspielter Kleidungsstil. Eine seltsam biedere Tasche, wie sie eher zu gesetzen Milliardärsgattinnen gepasst hättte. Auf der Tasche ein Aufnäher. „Ach was, sicher nur aufgebügelt, die kann doch bestimmt keine zwei Stiche nähen.“ frotzelte Egon. Er wollte mit diesem Gedanken die andere Stimme in seinem Kopf übertönen, die monoton sagte: „Finger. Fickfinger. Mittelfinger. Fuck you -Finger.“

Auf der Tasche war ein fast lebensgroßer ausgestreckter Mittelfinger zu sehen. Was hat sich Sophie-Marie dabei gedacht ? Ist er aufgebügelt oder hat sie ihre Mutter gebeten, ihn anzunähen ?
Egon denkt mit seiner lauteren Stimme:„Die will wohl ganz unabhängig sein. Ganz wild wirken. Lächerlich. Hör mal, wie sie nun schnattert mit der blonden Tussi da.“
Eine Mitschülerin hatte sich neben die Rothaarige gesetzt. Eine Gymnasiastin mit blondierter Hochsteckfrisur und gemusterter Strumpfhose. Egon wurde ein wenig übel im Belauschen der belanglosen Gespräche. Die leisere Stimme in ihm sagte – und dabei zischelte sie merkwürdig-: „Fickfinger. Arschloch. Gib’s ihr. Durchbohr sie.“
Egon sah bildlich vor sich, wie Sophie ihm ihren kleinen Arsch hinhielt und er seinen Finger …
Da, hektisch, standen beide Gymnasiastinnen auf. Egon schob den rechten Fuss vor.
Die Rothaarige fiel der Länge nach hin. Die biedere Tasche mit dem Fingerbild rutschte nach hinten. Die Leute guckten. Ein ausgestreckter Mittelfinger auf dem Po einer Hingestolperten.

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  1. Annifee!!! Super geschrieben… Du könntest Romane veröffentlichen 😀

    • ich übe dafür 🙂
      War heute total mutig und fragte nach der hiesigen „Zeitschrift für junge Literatur“, bei der man früher etwas einsenden konnte. Aber, na klar, jetzt wo ich Bock hätte, mitzuwerkeln, da gibt es sie nicht mehr.

  2. ist dies wirklich von dir? gefällt mir. besonders gefällt mir der blick auf die jugend, kommt mir so bekannt vor…..irgendwie stell ich auch öfter mal fest, das sie mich alle ankotzen in ihren 80iger retroklammotten, durchgestylt bis in die haarspitzen, immer schön bescheiden, nur nicht auffallen…….aber hin fallen dann trotzdem, find ich super die stelle. obwohl ein wenig tut s mir dann doch leid. genau wie der egon, ein wenig, nur so ein klitzekleines bissel tut er mir leid. aber wieso eigentlich frauWunder, er macht keine jämmerliche figur, ganz im gegenteil……

    • ich denk mal, man kriegt Mitleid, weil man ahnt, dass Egon-Gestalten die fröhliche, normale Teilnahme an der Gesellschaft verbaut ist, dass sie irgendwann mal so werden:

    • FrauWunder
    • 17. Februar 2012

    ei weih……ist der niedlich, was wär das leben langweilig ohne die schrägen vögel. zusätzlichst; der ist aber ganz und gar nicht soziophob und sicherlich hat der auch ne liebst, wahrscheinlich aber redet die nicht so gerne…

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