Schneeflöckchentanz

Jetzt können mal alle mitmachen, hat die flippige alte Musiklehrerin gesagt. Auch die Eltern. Na los, ihr Mäuse ! Zwei Mädchen gehen zu den großen Grundschülerinnen auf die Tanzfläche. Die eigene Sechsjährige und ihre Freundin bleiben angespannt sitzen. Die Mutter der Freundin sagt noch: zusammen schafft ihr es doch. Aber die Töchter trauen sich nicht vor, sie waren noch nie in dieser Grundschule und sind eigentlich nur zum Angucken hier. Alle Blicke bohren sich in die Zögernden. In mir schreit der Weglaufdrang. Qualvolle Minuten später fangen die Willigen ohne die Spielverderber ihren Santa Claus Tanz an. Der Tanz ist großer Quatsch und die knospenden Brüstchen der Neun- oder Zehnjährigen pieken unter den roten Kostümshirts hervor. Wo bin ich hier nur hingeraten, wann kann ich endlich in die Kantine und Kaffee trinken ? Für diese Schule hätte ich mich doch auch ohne Tag der Offenen Tür entschieden.

Nach dem bizarren Sackträger-Tanz raunt die merkwürdige Kreativlehrerin etwas von Schneeflöckchen. Nun kommt mal alle in den Kreis und schaut, was unter den Tüchern ist. Wieder bohren sich Blicke. Ich habe mich mit der klassischen Muffelrolle abgefunden. Ist halt wie früher. Die sozialen Individuen geben vor Spaß zu haben, ich suche nach einem Kern in ihren Aktivitäten und kann nur einen verkümmerten finden. Aber die Mutter der Kindsfreundin erbarmt sich und begleitet die weich gewordenen Töchter in den Schneeflockenkreis. Ich erbarme mich daraufhin auch und bewege meine Lippen. Schnee-He-Flöckchen, Weiß-Röckchen, ko-homm zu uns geschneit. Unter den Tüchern waren simple Instrumente, bei denen auf eine kleine Metallfläche geschlagen werden muss. Das Klöpfeln im Schneeflocken-Ductus ist sehr poetisch und überraschend konzertiert für Kinder-Verhältnisse. Die scheusslichen Schulerinnerungen, mit denen ich meiner Tochter eigentlich nicht die ihrige Schulzeit verbauen möchte, weichen Klang für Klang angenehmeren Gedanken. Einmal war ich mit meiner Mutter im Kulturpalast zum Schwanensee-Ballett. Später auch zu Holiday on Ice in der alten Messehalle 2. Drehende weiße Röckchen, fließende Rhythmen. Vielleicht ist es an der Zeit, Frieden zu schließen mit Gruppentänzen. Aber nur vielleicht.

 

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  1. Sätze wie „ich suche nach einem Kern in ihren Aktivitäten und kann nur einen verkümmerten finden“ sind erkenntnistheoretisch gesehen ziemlicher Mist. Wir als SystemtheoretikerInnen wissen es besser. Wir können in den anderen nicht hineinschauen, sondern nur auf das, was an seinen äußeren Grenzen geschieht, beobachten und daran, wenn wir wollen und es verstehen, anschließen. Intersubjektivität in dem Sinne, dass wir ganz in den anderen hineinschauen können, verbietet die Epistemologie. Es sind falsche Analogieschlüsse, die auf uns zurückfallen. Aber keine Angst, ich würde dir nie einen verkümmerten Kern anheften wollen.

    • Manche Suchen sind eben nicht von logischen Intentionen angetrieben. Die Epistemologie bestimmt nicht mein Alltagshandeln, verstehst du ?

  2. Vielleicht sind, weil das Alltagshandeln der meisten Menschen nicht von Epistemologie durchsetzt ist, so viele kleine Faschismen in unsrer Welt. Eins lehrt die Erkenntnistheorie, zumal die moderne, auf jeden Fall: Zurückhaltung. Sie setzt mE Kontingenz frei und damit das Bewusstsein, dass etwas auch anders möglich sein kann, bezieht es sich nun auf Ansichten, Meinungen oder auf die Welt, in der wir uns befinden, überhaupt. Und auch die Suche nach was auch immer, meinetwegen nach Sinn und Glück, muss Kontingenz enthalten. Luhmann sagt: Moderne Individuen sind Individuen, die ihre Beobachtungen kontingent setzen können. Alle anderen, sage ich, sind Faschisten!

    • Dazu kann ich gar nicht soviel sagen, weil ich mit dem Wort Kontingenz nach wie vor so meine Probleme habe.- Ich rate dir aber dringend, mal eine Pause vom studieren zu machen. Morgen abend Konrad Endler im Kuze ? Oder du zockst einfach mal ne Runde Call of Duty.

    • Arnold Bathurst
    • 6. Dezember 2012

    Du hast wahrscheinlich Recht. Aber den Konrad e. Sehe ich mir nicht an

  3. Ich zocke übrigens oft Companys of Heros, ein wunderbares Strategiespiel über den W.W.II. Zu meiner Schande muss ich aber gestehen, dass ich am liebsten die Wehrmacht nehme, anstatt die USAler oder die Briten.

    • Faxen-Fritz
    • 8. Dezember 2012

    Ich würde gerne mehr darüber erfahren, wie sich die Schülerinnen beim Sackträger-Tanz geschlagen haben – juppsiheisa

    • Mit den Ohren des Reitesels wackeln *flapp flapp*, das Säckchen schultern *wupp wupp* und .. ach, ich habe es zurecht vergessen. Versteh mal, circa 6 Schülerinnen mit roten Zipfelmützen ! Immerhin, die mit den besten Haaren hatte ihre Mütze untern Arm geklemmt.

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