Im postantibiotischen Zeitalter – eine Rezension zu „Der Weizen gedeiht im Süden“ von Erik. D. Schulz

Dies ist ein Buch über die Apokalypse: Nach einem Atomschlag wird es kalt und dunkel in Europa. Ein Krieg als Folge einer USA-China-Krise hat die Zivilisation hierzulande zerstört. Macht(wunsch) macht alles kaputt, befürchtet man oft, und hier kann man lesen, was passieren kann, wenn sich einige Staatenlenker falsch entscheiden.

Wir lernen eine Heldengruppe kennen, die den Atomkrieg in einem Bunker überlebt hat. Im Bunker tauchen Fragen auf: Ist das Wasser wirklich verseucht? Ist der angebaute Weizen von einem Pilz befallen? Was ist mit dem Diktatorgebahren des Bunkerchefs?

In solidem Schreibstil nimmt Erik D. Schulz seine Leser mit auf eine Reise in eine beinahe aussichtslose Zukunft. Viel Wert wird auf eine nachvollziehbare Charakterentwicklung gelegt. Der Autor beherrscht hier sein Handwerkszeug. Dabei fällt auch positiv auf, dass verschiedene Charaktere unterschiedliche Sprachstile haben. So spricht etwa der unangenehme Bunkerchef erwachsener und abgebrühter als die unschuldige Teenietochter des Helden. Manchmal wird die Persönlichkeitsentwicklung über Träume und Metaphern dargestellt, das ist ein nettes Stilmittel.

Teilweise realistisches Abenteuer aus einer postnuklearen Zukunft

„Der Weizen gedeiht im Süden“ überzeugt unter anderem mit seinem Helden Oliver. Dieser ist ein recht normaler Mensch und kein unrealistischer Macker wie in manch anderem Buch zur Apokalypse. So wartet er lieber ein wenig länger, bis er mit einer Gruppe von unterschiedlichen Menschen aus dem Bunker ans trübe Tageslicht aufbricht.
Reiseszenen wechseln sich in diesem Roman von Erik D. Schulz mit romantischen Einlagen und actiongeladenen Kampfszenen ab. Allein dass beim ersten Kampf ausgerechnet der Vater der Frau, in die der Protagonist verliebt ist, stirbt, wirkt ein wenig unplausibel und zufällig.

Die Heldengruppe ist ständigen Gefahren und Anstrengungen ausgesetzt. Neben mehreren machthungrigen Despoten kommen auch Freundschaften zur Geltung, was einen gewissen Trost spendet. In dieser Rezension soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass dieses Buch einem ziemlich zu denken gibt. So ein Atomkrieg wird seit Jahrzehnten gefürchtet, aber wer von uns ist darauf vorbereitet, sich durchzuschlagen, wenn Pazifismus und Alltagswissen nicht mehr ausreichen?

Eine subtile Botschaft in „Der Weizen gedeiht im Süden“ ist: Schulmedizin-Ablehnende bringen sich und andere in Gefahr, wie es die Geliebte des Helden tut. Ich bekam beim Lesen direkt Angst vor einem postantibiotischen Zeitalter – etwas, worüber ich zuvor noch nicht nachgedacht hatte, was aber realistisch erscheint: eine Zeit, in der Menschen wieder an Lungenentzündungen oder Wundinfekten sterben.

Die Dynamik der Geschlechter in „Der Weizen gedeiht im Süden“

Lawinen, Maschinengewehre und verstrahlter Schnee machen dem Helden das Leben schwer, daher muss dieser, als wenig trainierter Arzt, mit der Zeit lernen, sich sowie die Frauen und Kinder mit Gewehr und Pistole zu verteidigen. Vielen Mitüberlebenden geht es schließlich nur um das eigene Wohlergehen, es wird getrickst und gekämpft, das ist bedrückend, auch wenn es für Spannung sorgt.

Die Geschlechterrollen nach dem Atomkrieg sind hier eher altbacken verteilt: Frauen und Jugendliche sind kränklich und ängstlich, Männer wachsen über sich hinaus. Trotz aller Selbstzweifel, die Oliver manchmal hat, kann er das Waisenkind Marcelina adoptieren und fürsorglich versorgen.
Es wird viel gestorben wegen Kämpfen und Krankheiten. Daher dürfen mit Fortschreiten der Handlung auch Frau und Jugendliche aktiver agieren – gelegentlich sogar mit Waffengewalt. Sie packen dann mehr mit an und sind manchmal weniger ängstlich oder zögerlich als Oliver. Damit soll wohl die wachsende Verzweiflung zum Ausdruck gebracht werden.

Anstatt sich in einem Boot über das Mittelmeer zu begeben, haben die Protagonisten in diesem Buch von Erik D. Schulz Glück und können ein altes Flugzeug nutzen. Dieser Buchabschnitt machte mich besonders unruhig. Beim Fliegen hätte viel schief gehen können, zumal der Pilot schwer verletzt war. Am Steuer saß der Elitesoldat Haemmerli, der im Prinzip der zweite Held des Buches ist. Ob es wohl realistisch ist, derart verwundet und halb bewusstlos ein Flugzeug präzise steuern zu können?
– Nun, es ist eine fiktive Geschichte und vielleicht sind solche Szenen für die Spannung nötig. Für meinen Geschmack könnten auch weniger Action und Wendungen auf manchen Seiten sein, ganz so viele Hindernisse nacheinander braucht mein leises Gemüt nicht unbedingt.

Apokalypse-Buch mit Flüchtlingselend nach Atomkrieg

Beim Überflug Italiens zu lesen, dass z.B. Mailand nur noch ein schneebedeckter Krater sei, sorgte für ein gewisses Gruseln vor der Macht von Atomwaffen.
Abschuss drohte danach durch die ägyptische Luftwaffe. Ungewollt zu sein dürfte für viele heutige Bewohner von hochindustriellen Ländern ein ungewohntes Gefühl sein – dabei kann sich das Blatt innerhalb weniger Kriegshandlungen wenden und dann sitzen auch wir womöglich in einem Fluchtfahrzeug und werden fast nirgendwo hineingelassen.

Bei der Ankunft in Afrika muss die Heldengruppe feststellen, dass die Halbwüste sich ein wenig abgekühlt hat. Trotz der weniger als 30 Grad Celsius dort kommt es im Verlauf des Fußmarsches beinahe zum Verdursten. Hier bietet das Buch den impliziten Appell: Niemals aufgeben! Vorwärts und dabei die Menschenwürde nicht vergessen! Reden, Umarmen oder möglichst ordentliche Beerdigungen bleiben wichtig, auch wenn der Tod von allen Seiten droht.

Gut kann sich die Leserin in heutiges Flüchtlingselend einfühlen, als die übriggebliebene Heldengruppe in ein Migrantencamp muss. Wie etwa deren Passdokumente bei der dortigen Registrierung einfach weggeworfen werden, ist ein anschaulich symbolischer Vorgang, der für das demütigende Leben als unfreiwilliger Migrant steht.

Zuvor lesen wir aus der Perspektive abgewiesener bzw. ungewollter Flüchtender, wie sich eine Reise darstellen kann, bei der sich selbst andere Europäer nur manchmal solidarisieren. Allerdings kommt es mir ein bisschen unglaubwürdig vor, wenn bei Erik D. Schulz‘ Buch Spanier „radioaktive Wolke“ auf deutsch sagen können – aber wer weiß schon, wie die Bildung der Zukunft sein wird. In jedem Fall erscheint es realistisch, dass sich vor Verzweiflung und Durst nach einem Atomkrieg selbst ehemalige Europa-Bewohner gegenseitig ausrauben wollen. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund realer Migrationsdebatten beklemmend.
Oder wie die Protagonistin Carolin sagt: „Die Welt ist so unbegreiflich geworden. So gefährlich und fremd.“

Rezension zu „Der Weizen gedeiht im Süden“: das Zwischenmenschliche

Jeder, der ein wenig Empathie empfinden kann, bekommt, denke ich, bei den Szenen, die im Sudan spielen, Sympathien für derzeitige reale Flüchtende und Geflüchtete. Auch, warum Prügeleien in Lagern und Heimen ausbrechen, wird hier flüssig dargestellt, denn Olivers Wut auf die Gesamtsituation entlädt sich beim Zeltnachbarn in der deutschen Kolonie des Flüchtlingscamps.
Zuvor fühlte sich der Held hilflos und machtlos, während er unter anderem angeblich – mit seinem „gebrochenen Arabisch“ – komplizierte Schimpfsätze der Sudanesen verstand.
Damit es aber nicht zu trostlos wird, lässt Erik D. Schulz im Camp einen netten Sprecher bzw. Manager mit einem Hund auftreten und Carolin freundet sich mit einer Französin an. Und durch helfende Taten entsteht doch so etwas wie Solidarität unter den Geflüchteten, man begräbt zum Teil alte Streits.

Dieses Buch erinnert mich wieder daran, dass hinsichtlich der Apokalypse handwerkliche oder medizinische Berufe eine bessere Absicherung wären. Dienstleistungen oder Internetjobs sind schließlich nicht mehr gefragt, wenn die Welt in Scherben liegt. Dieser Gedanke ist einer von vielen, die mich nicht so vertrauensvoll in die Zukunft blicken lassen.
Vielmehr bekam ich beim Lesen Lust, einen Wildnis-Survival-Kurs zu besuchen.

Im letzten Viertel kommen krasse Wetterphänomene auf die Heldengruppe zu, gefolgt von Typhus. Oliver und seiner kleinen Familie bleibt offenbar nichts erspart. Der Held verzweifelt. Man fragt sich nun wirklich, wie das noch gut ausgehen soll.
Es kommt einem zudem ins Bewusstsein, wie gut ein funktionierendes Notarztsystem ist. Viele heutige Selbstverständlichkeiten sind im Grunde sehr wertvoll und nicht zu unterschätzen.

Weil es also im Lager keine vernünftige Krankenversorgung gibt, entschließt sich Oliver zu einem finalen heldenhaften Auftritt: Er flieht erneut. Dabei kann sich die Leserin erneut in reale prekär lebende Personengruppen einfühlen, denn Oliver ist mit dem Verlassen des Lagers ein „illegaler Migrant“.

Selbst auf den letzten Seiten von „Der Weizen gedeiht im Süden“ wird noch Wert auf Spannung gelegt: Die mit krassem Glück und alten Verbindungen beschafften Medikamente schlagen nicht gleich an.
Oliver hat insgesamt sehr viel Glück. In der Realität wäre die Protagonistengruppe bei einer solchen Apokalypse-Reise wohl x-mal gestorben. Aber es ist ja oft in Büchern oder Filmen so: Der Held schafft es gegen alle Widerstände.

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