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Bockwurstvoyeurist

(aus der Reihe „Unangenehme Reisemomente“. Beim Zettelsortieren gefunden.)

Der Senf ist scharf, der Wurstdarm hart;
Der Bockwurstvoyeurist Minuten starrt.
Er grinst, wie nur die Alten lächeln
und wenn ich hinsehe, sieht er peinlich berührt weg.


Ein Familienanstarrer, sicher selbst einsam.
Geht er auch auf Spielplätze starren?


Wie eine feuchte Eichel glänzt das Wurstfleisch
und das Kind bekleckert sich mit [..?] und Senf
und der Bockwurstvoyeurist kichert
und sein Goldzahn glänzt.


Der B-V setzte sich extra gegenüber, der Zug ist leer.
Er ist distanzlos und sagt doch nichts.

Brief an die übersorgte Verwandte

Sehr gerne, liebe MitleserInnen,  würde ich euch an dieser Stelle mit ästhetischen Halbnackten beglücken, was aber wegen des Jubiläums noch nachgeholt werden soll, aber leider muss ich zuerst den Weisungen eines meiner Alter Egos Folge leisten. Jenes Ego heißt Steffen und hat einen Brief erhalten.
Die saftige Antwort hat, schätze ich, Unterhaltungswert und das Tippen hat Therapiewert. Und keine Sorge, die reale Verwandte bekommt nur eine abgemilderte Version. Sie heißt auch nicht Hedwig.

Liebe Oma Hedwig,

vielen Dank für die Postkarte vom Balaton, das Geld und die Visitenkarte der Personalvermittlerin. Schön, dass du dich beim Kururlaub erholt hast, gleichwohl 14 Stunden Busfahrt sicher unangenehm sind und du lieber geflogen wärst.
Solcherlei Probleme haben wir, wie du dir denken kannst, nicht. Zudem scheinst du zu denken, dass wir todunglücklich sein müssen, da wir keiner bürgerlichen Vollzeit-Erwerbstätigkeit nachgehen.
Ich darf dir allerdings sagen, dass unsere wirtschaftliche Situation durchaus ausreichend ist und wir mit Zugreisen nach Mittel- und Norddeutschland vollkommen zufrieden sind. Wir verspüren kein Bedürfnis, uns von osteuropäischen Badangestellten durchkneten zu lassen. (Viel mehr hätten wir Lust auf eine kleine rothaarige Japanerin, die wir durchkneten können, aber für sowas hast du sicher kein Verständnis.)
Vor dem Hintergrund deiner DDR-Sozialisation ist einzusehen, dass du die abhängige Lohnarbeit für höchst wichtig befindest und befürchtest, wir könnten gesellschaftlich abgehängt sein, da wir keine solche vorzuweisen haben.
Ich werde mich aber demnächst bewerben, sobald mein selbstbezahlter Lehrgang abgeschlossen ist. Mir schwebt da etwas mit flexiblen Arbeitszeiten im Onlinebereich vor und ich brauche keine vermeintlich generöse private Jobvermittlung dazu.
Im Übrigen empfinde ich es als Verstoß gegen mein Recht der informationellen Selbstbestimmung, wenn du fremden Damen auf Kurreisen meinen Namen und meine Jobsituation preisgibst. Schon klar, du hast nur aus Mitleid gehandelt. Und bildest dir nun ein, eine besondere Chance für mich aufgetan zu haben, da du doch nur einer Frau begegnest bist, die Kunden für ihre Agentur sucht. Jobvermittlungsagenturen bekommen ihr Geld von den Arbeitgebern und teilweise sogar vom Zuvermittelnden. Es handelt sich mitnichten um einen sozialen Akt, wenn sie anbietet, ich könnte mich bei ihr melden, denn das könnte ohnehin jeder, der verzweifelt genug ist.

Mit Verzweiflung hattest du seit Jahrzehnten nichts mehr zu tun, denn du hast es dir erst im Vorruhestand, dann im Rentenstand bequem eingerichtet und speist schon 22 Jahre auf Staatskosten, sicherlich länger als vom Erfinder des Generationsvertrages vorgesehen.
Dass du nun mir unterschwellige Vorwürfe darüber machen möchtest, dass ich seit drei Jahren neben diversen Teilzeit- und Minijobs auch Geld vom Staat beziehe, halte ich für gelinde gesagt unangebracht. Ich gebe nämlich der Gesellschaft sehr wohl etwas zurück, und meine Frau trägt ihren Teil dazu bei.
So haben wir zum Beispiel doppelt soviele Kinder wie du und können sie nicht einfach bei Verwandten abgeben, weil schlichtweg keine ortsnah leben. Wenn wir Verwandten und Freunden begegnen, versuchen wir zu helfen und zuzuhören und nicht, gleich deiner, primär zu prahlen, wie gut es uns geht.
In diesem Brief muss ich allerdings doch prahlen, damit du endlich aufhörst, uns wie Katastrophenopfer zu behandeln. Mir haben genug Geld und, im Gegensatz zu vielen Doppelverdienern, auch Zeit, die wir in Kindsbetreuung, Kultur, Politik, Freunde und brotlose Kunst stecken können. Kunst, ja, brotlose Kunst ! Wir sind nämlich auch sensible Seelen, meine Frau und ich, und es leid, von oben herab behandelt zu werden.

Damit schließt, verbunden mit dennoch freundlichen Wünschen,

Dein Enkel Steffen

Wie ein Sonnenstrahl für uns alle

Die halbe Welt verfällt in Trauer, denn es ist ein Trauertag heute, so heißt es über den Karfreitag. Mich aber stimmt so schnell nichts mehr traurig, denn ich habe einen Textblock entdeckt, der in solchem Maße herzallerliebst ist, dass nichts Negatives dagegen anstürmen kann.

Es ist eine Antwort von einer Rentnerin namens Ursula auf die an sich eher schlichte Frage, welche Musikgruppen für das diesjährige Stadtwerkefest gewünscht werden.

Ursula wünscht sich Nana Mouskouri und wird dabei philanthropisch bis pathetisch: „Musik und Gesang gehen uns tiefer ins Herz als Worte. […] die jüngere Generation gibt uns Kraft und ist wie ein Sonnenstrahl für uns alle. “

Wie einfach mensch dem erfolgreichen Generationendialog eine Hand reichen kann ! Seltsam nur, dass es andersrum nicht geklappt hat, als ich nämlich den Damen im Seniorentreff mehrfach anbot, ihre Wünsche für ein musikalisches Sommerfest weiterzuleiten, hatten die auch bei mehrfacher Nachfrage keinerlei Wunsch.

Vielleicht ist man als körperlich recht fitte 65- bis 85-jährige einfach nicht mehr auf Eventhilfe angewiesen und kauft sich eh jede gewünschte Konzertkarte ?

Die Umfrageergebnisse jedenfalls sind auf Seite 74 in diesem E-Paper mit Fotos zu sehen. Anklicken und auf die Dame in der Mitte zoomen.

Und dieses Lied fiel mir auch wieder ein, wegen der Aussage von Ursula:

Kurskichern

Seit gestern muss ich ständig  kichern. Na, es ist eher ein Dürfen. Wie schön, im Grunde, sich nicht mehr über die missliche Menschheit ärgern zu müssen, sondern kichern zu dürfen.

Manchmal muss ich mir allerdings die Hand vor den Mund halten, damit sich niemand angepisst fühlt, weil er mein Gegrinse vielleicht als Arroganz interpretiert. Und ich stehe ja nicht über den Begrinsten. Ich habe nur nicht genau deren Problem oder Situation, aber in deren Augen bin ich vielleicht ähnlich lächerlich wie:

  • die Büroarbeiterinnen, die mit großem Enthusiasmus versuchen, das Programm zu begreifen und dabei entweder laut ihr Unverständnis artikulieren oder ihre Begeisterung übers Kapieren
  • der weißhaarige Historiendoktor, der für einen dörflichen Geschichtsverein demnächst Druckwerke layouten will, aber mit Computern ein bisschen auf dem Kriegsfuss steht – und außerdem so einen rosa Rucksack trägt, dass spätestens im Gewahren dessen ich kichern musste wie ein Schulkind
  • das abgebrochene, Anschluss suchende Männchen, das neben mir sitzt und für den katholischen Kirchenkreis layouten lernen will – und sich platten Witzen verpflichtet fühlt. Dieses Hilflose tut mir wirklich leid, trotzdem kann ich nicht helfen, sondern sage dann schon auch: „Äh, der Witz ist allerdings auch alt.“ auf solche Versuche von ihm wie: *zur Tastatur weisend* „das ist das neueste Modell. Warum steht dann ALT drauf ?“
  • der Dozent, der auch weißhaarig ist und vielleicht mal ein schöngeistiger Typ war, soweit man das als Exilhamburger kann. Mit den vielen Wortwitzen gelingt es ihm mitunter,  die Runde aufzulockern, also didaktisch ist er schon fit. Trotzdem kriege ich einen seltsamen Gesichtsausdruck, wenn von Menschen namens „Rainer Zufall“ die Rede ist und der Nutzen des bedingten Trennungsstriches mit dem Wort Urinstinkt erklärt wird. („Sie wollen ja nicht im Text Urin-stinkt stehen haben!“)

Alle sind ja in ihrem Kontext stimmig. Das So-Sein und Agieren fühlt sich sicher für jede dieser Personen echt an, aber für den Außenstehenden ist es mitunter lächerlich Klischee erfüllend. Hoch lebe das Schubladisieren !

Ah, und einmal fand ich an mir selbst einen überraschenden Kichergrund: ich trug die Hose  unten umgekrempelt und fand in dem Krempel (?) eine braune Glasscherbe vor. Wie geht das denn ?

die Hinterbliebenen

Die Hinterbliebenen sind die Nachtragenden.

– eine Sammlung von Dingen, die irgendwie zum Thema „Hadern mit dem familiären Nachlass“ passen. Fast jeder hat doch irgendwas zum Hadern, nicht wahr ? Da braucht man sich gar nichts drauf einbilden. Und ausserdem:

Melancholia rächt die Hinterbliebenen

Das ist (für mich) die passende Musik:

Was hilft ? :

abwarten und Blumen trinken

Skypende Rentnerinnen und reiche Exildeutsche

Eine Dokumentation, die den Zeitgeist beschreibt, wie ich finde.
Man könnte soviel diskutieren über diese Familienmodelle und die Au-Pair-Großmütter, über die Folgen der Globalisierung und und und ..
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Wer mal eine halbe Stunde übrig hat, sollte mal reinschauen, in die ZDP-Mediathek:
Au-pair-Omas-aus-Germany

Frieder-Fragen

Der Hegel-Heideggerstreit endet mit der Ankündigung von Friederisiko.

Das ist mir natürlich ein Begriff. Diese Buchstaben in geschwungen und blau stehen seit einem halben Jahr an der Haltestelle „Alter Markt“, ich stand dort auch mehrfach und meine Kinder haben als Hobby „Klettern“, weshalb ich die Friederisiko-Buchstaben aus nächster Nähe befühlt habe. Besonders Spaß machen sie, wenn es geregnet hat.
„Betreten auf eigene Gefahr“ steht am Plateau.

Der Frieder ist ein Markenzeichen meiner Wohnstadt. Aber deshalb muss ich es ja nicht mögen. Ich habe auch Luther oder Rathenau nie besonders sympathisch gefunden, obwohl die Markenzeichen von Städten meiner Geburtsgegend sind. Überhaupt ist das Mögen von ungekannt Verstorbenen so eine Sache.

Da fällt mir ein, diese 300-Jahrfeier und den Kasernenpatriotismus hatte ich ja schon einmal erwähnt.
Und Charlottenburg und überhaupt Preußen hatte ich auch schon mal besprochen.

Noch nicht erwähnt hatte ich wohl den Tourismusnutzer mit der Querflöte. Das ist ein Jetztlebender, der sich preußisch verkleidet und mit meist hochrotem Kopf am Eingang von Sanssouci steht, um rührseligen Touristen einige Trinkgelder fürs Flötehören abzuknapsen. Das scheint auch zu klappen, denn er steht da seit Jahren. Die Businessidee ist eben perfekt. Die möchte ich auch gar nicht kleinreden, versuchte ich doch neulich in eine Querflöte zu blasen und es kam kein gescheiter Ton raus.

Ich verstehe nur nicht, was Jetztlebende an der Figur „FII“ so grandios finden. Auch neige ich dazu, Dinge blöd zu finden, die alle toll finden. Und da im Moment ein hässliches Plakat zu einem Friedrich-Musical grassiert und ein seltsamer Film parallel gebracht wird, bei dem zwei Frauen namens Thalbach den Friedrich spielen..

Aber schauen wir doch mal in meine Studienaufzeichnungen, was habe ich mir denn in der Preußenveranstaltung des beliebten Prof. Wippermann notiert ?

F II 1740- 1786 [Regierungszeit wohl ?] –> schwul, intelligent, Philosoph der Aufklärung, erwarb Ostfriesland

„aufgeklärter Absolutismus“ ist laut Wipp nicht besserer Absolutismus, zwischen Despot und Feudalismus

„Jeder nach seiner Facon…“ : Ideologie oder Realität

Und dann…

gibt es noch den Katte e.V., der sich als Schwulenvertretung Brandenburgs sieht, obwohl wohl wissenschaftlich nicht gesichert ist, dass die beiden.. also, manche behaupten, der Katte war nur ein Opportunist…

spielten doch alle Adligen damals Instrumente, das ist doch nichts besonderes..

scheint mir das Toleranzedikt von Potsdam nicht humanistischer als Katharinas Wolga-Ansiedlungsedikt zum Beispiel…

— also mich überzeugt das alles nicht.
Ist die Faszination Friederichs des Großen aufs Nachvolk so eine ähnliche wie die des „bayrischen Märchenkönigs“ ? ? —