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Im postantibiotischen Zeitalter – eine Rezension zu „Der Weizen gedeiht im Süden“ von Erik. D. Schulz

Dies ist ein Buch über die Apokalypse: Nach einem Atomschlag wird es kalt und dunkel in Europa. Ein Krieg als Folge einer USA-China-Krise hat die Zivilisation hierzulande zerstört. Macht(wunsch) macht alles kaputt, befürchtet man oft, und hier kann man lesen, was passieren kann, wenn sich einige Staatenlenker falsch entscheiden.

Wir lernen eine Heldengruppe kennen, die den Atomkrieg in einem Bunker überlebt hat. Im Bunker tauchen Fragen auf: Ist das Wasser wirklich verseucht? Ist der angebaute Weizen von einem Pilz befallen? Was ist mit dem Diktatorgebahren des Bunkerchefs?

In solidem Schreibstil nimmt Erik D. Schulz seine Leser mit auf eine Reise in eine beinahe aussichtslose Zukunft. Viel Wert wird auf eine nachvollziehbare Charakterentwicklung gelegt. Der Autor beherrscht hier sein Handwerkszeug. Dabei fällt auch positiv auf, dass verschiedene Charaktere unterschiedliche Sprachstile haben. So spricht etwa der unangenehme Bunkerchef erwachsener und abgebrühter als die unschuldige Teenietochter des Helden. Manchmal wird die Persönlichkeitsentwicklung über Träume und Metaphern dargestellt, das ist ein nettes Stilmittel.

Teilweise realistisches Abenteuer aus einer postnuklearen Zukunft

„Der Weizen gedeiht im Süden“ überzeugt unter anderem mit seinem Helden Oliver. Dieser ist ein recht normaler Mensch und kein unrealistischer Macker wie in manch anderem Buch zur Apokalypse. So wartet er lieber ein wenig länger, bis er mit einer Gruppe von unterschiedlichen Menschen aus dem Bunker ans trübe Tageslicht aufbricht.
Reiseszenen wechseln sich in diesem Roman von Erik D. Schulz mit romantischen Einlagen und actiongeladenen Kampfszenen ab. Allein dass beim ersten Kampf ausgerechnet der Vater der Frau, in die der Protagonist verliebt ist, stirbt, wirkt ein wenig unplausibel und zufällig.

Die Heldengruppe ist ständigen Gefahren und Anstrengungen ausgesetzt. Neben mehreren machthungrigen Despoten kommen auch Freundschaften zur Geltung, was einen gewissen Trost spendet. In dieser Rezension soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass dieses Buch einem ziemlich zu denken gibt. So ein Atomkrieg wird seit Jahrzehnten gefürchtet, aber wer von uns ist darauf vorbereitet, sich durchzuschlagen, wenn Pazifismus und Alltagswissen nicht mehr ausreichen?

Eine subtile Botschaft in „Der Weizen gedeiht im Süden“ ist: Schulmedizin-Ablehnende bringen sich und andere in Gefahr, wie es die Geliebte des Helden tut. Ich bekam beim Lesen direkt Angst vor einem postantibiotischen Zeitalter – etwas, worüber ich zuvor noch nicht nachgedacht hatte, was aber realistisch erscheint: eine Zeit, in der Menschen wieder an Lungenentzündungen oder Wundinfekten sterben.

Die Dynamik der Geschlechter in „Der Weizen gedeiht im Süden“

Lawinen, Maschinengewehre und verstrahlter Schnee machen dem Helden das Leben schwer, daher muss dieser, als wenig trainierter Arzt, mit der Zeit lernen, sich sowie die Frauen und Kinder mit Gewehr und Pistole zu verteidigen. Vielen Mitüberlebenden geht es schließlich nur um das eigene Wohlergehen, es wird getrickst und gekämpft, das ist bedrückend, auch wenn es für Spannung sorgt.

Die Geschlechterrollen nach dem Atomkrieg sind hier eher altbacken verteilt: Frauen und Jugendliche sind kränklich und ängstlich, Männer wachsen über sich hinaus. Trotz aller Selbstzweifel, die Oliver manchmal hat, kann er das Waisenkind Marcelina adoptieren und fürsorglich versorgen.
Es wird viel gestorben wegen Kämpfen und Krankheiten. Daher dürfen mit Fortschreiten der Handlung auch Frau und Jugendliche aktiver agieren – gelegentlich sogar mit Waffengewalt. Sie packen dann mehr mit an und sind manchmal weniger ängstlich oder zögerlich als Oliver. Damit soll wohl die wachsende Verzweiflung zum Ausdruck gebracht werden.

Anstatt sich in einem Boot über das Mittelmeer zu begeben, haben die Protagonisten in diesem Buch von Erik D. Schulz Glück und können ein altes Flugzeug nutzen. Dieser Buchabschnitt machte mich besonders unruhig. Beim Fliegen hätte viel schief gehen können, zumal der Pilot schwer verletzt war. Am Steuer saß der Elitesoldat Haemmerli, der im Prinzip der zweite Held des Buches ist. Ob es wohl realistisch ist, derart verwundet und halb bewusstlos ein Flugzeug präzise steuern zu können?
– Nun, es ist eine fiktive Geschichte und vielleicht sind solche Szenen für die Spannung nötig. Für meinen Geschmack könnten auch weniger Action und Wendungen auf manchen Seiten sein, ganz so viele Hindernisse nacheinander braucht mein leises Gemüt nicht unbedingt.

Apokalypse-Buch mit Flüchtlingselend nach Atomkrieg

Beim Überflug Italiens zu lesen, dass z.B. Mailand nur noch ein schneebedeckter Krater sei, sorgte für ein gewisses Gruseln vor der Macht von Atomwaffen.
Abschuss drohte danach durch die ägyptische Luftwaffe. Ungewollt zu sein dürfte für viele heutige Bewohner von hochindustriellen Ländern ein ungewohntes Gefühl sein – dabei kann sich das Blatt innerhalb weniger Kriegshandlungen wenden und dann sitzen auch wir womöglich in einem Fluchtfahrzeug und werden fast nirgendwo hineingelassen.

Bei der Ankunft in Afrika muss die Heldengruppe feststellen, dass die Halbwüste sich ein wenig abgekühlt hat. Trotz der weniger als 30 Grad Celsius dort kommt es im Verlauf des Fußmarsches beinahe zum Verdursten. Hier bietet das Buch den impliziten Appell: Niemals aufgeben! Vorwärts und dabei die Menschenwürde nicht vergessen! Reden, Umarmen oder möglichst ordentliche Beerdigungen bleiben wichtig, auch wenn der Tod von allen Seiten droht.

Gut kann sich die Leserin in heutiges Flüchtlingselend einfühlen, als die übriggebliebene Heldengruppe in ein Migrantencamp muss. Wie etwa deren Passdokumente bei der dortigen Registrierung einfach weggeworfen werden, ist ein anschaulich symbolischer Vorgang, der für das demütigende Leben als unfreiwilliger Migrant steht.

Zuvor lesen wir aus der Perspektive abgewiesener bzw. ungewollter Flüchtender, wie sich eine Reise darstellen kann, bei der sich selbst andere Europäer nur manchmal solidarisieren. Allerdings kommt es mir ein bisschen unglaubwürdig vor, wenn bei Erik D. Schulz‘ Buch Spanier „radioaktive Wolke“ auf deutsch sagen können – aber wer weiß schon, wie die Bildung der Zukunft sein wird. In jedem Fall erscheint es realistisch, dass sich vor Verzweiflung und Durst nach einem Atomkrieg selbst ehemalige Europa-Bewohner gegenseitig ausrauben wollen. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund realer Migrationsdebatten beklemmend.
Oder wie die Protagonistin Carolin sagt: „Die Welt ist so unbegreiflich geworden. So gefährlich und fremd.“

Rezension zu „Der Weizen gedeiht im Süden“: das Zwischenmenschliche

Jeder, der ein wenig Empathie empfinden kann, bekommt, denke ich, bei den Szenen, die im Sudan spielen, Sympathien für derzeitige reale Flüchtende und Geflüchtete. Auch, warum Prügeleien in Lagern und Heimen ausbrechen, wird hier flüssig dargestellt, denn Olivers Wut auf die Gesamtsituation entlädt sich beim Zeltnachbarn in der deutschen Kolonie des Flüchtlingscamps.
Zuvor fühlte sich der Held hilflos und machtlos, während er unter anderem angeblich – mit seinem „gebrochenen Arabisch“ – komplizierte Schimpfsätze der Sudanesen verstand.
Damit es aber nicht zu trostlos wird, lässt Erik D. Schulz im Camp einen netten Sprecher bzw. Manager mit einem Hund auftreten und Carolin freundet sich mit einer Französin an. Und durch helfende Taten entsteht doch so etwas wie Solidarität unter den Geflüchteten, man begräbt zum Teil alte Streits.

Dieses Buch erinnert mich wieder daran, dass hinsichtlich der Apokalypse handwerkliche oder medizinische Berufe eine bessere Absicherung wären. Dienstleistungen oder Internetjobs sind schließlich nicht mehr gefragt, wenn die Welt in Scherben liegt. Dieser Gedanke ist einer von vielen, die mich nicht so vertrauensvoll in die Zukunft blicken lassen.
Vielmehr bekam ich beim Lesen Lust, einen Wildnis-Survival-Kurs zu besuchen.

Im letzten Viertel kommen krasse Wetterphänomene auf die Heldengruppe zu, gefolgt von Typhus. Oliver und seiner kleinen Familie bleibt offenbar nichts erspart. Der Held verzweifelt. Man fragt sich nun wirklich, wie das noch gut ausgehen soll.
Es kommt einem zudem ins Bewusstsein, wie gut ein funktionierendes Notarztsystem ist. Viele heutige Selbstverständlichkeiten sind im Grunde sehr wertvoll und nicht zu unterschätzen.

Weil es also im Lager keine vernünftige Krankenversorgung gibt, entschließt sich Oliver zu einem finalen heldenhaften Auftritt: Er flieht erneut. Dabei kann sich die Leserin erneut in reale prekär lebende Personengruppen einfühlen, denn Oliver ist mit dem Verlassen des Lagers ein „illegaler Migrant“.

Selbst auf den letzten Seiten von „Der Weizen gedeiht im Süden“ wird noch Wert auf Spannung gelegt: Die mit krassem Glück und alten Verbindungen beschafften Medikamente schlagen nicht gleich an.
Oliver hat insgesamt sehr viel Glück. In der Realität wäre die Protagonistengruppe bei einer solchen Apokalypse-Reise wohl x-mal gestorben. Aber es ist ja oft in Büchern oder Filmen so: Der Held schafft es gegen alle Widerstände.

Wenn der Onlinehandel nützt

Das Online-Shopping ist für seine zahlreichen bösen Seiten bekannt. Das Sterben des lokalen Einzelhandels, die Verpackungsmassen, die CO²-Bilanz usw. – Für Nicht-Soziophobiker ist es manchmal schwierig, die Paketbestellung zu rechtfertigen. Häufig waren ähnlich faule Argumente zu hören, wie wenn es um den motorisierten Individualverkehr geht. Plötzlich wohnte jeder auf dem Land, war gebrechlich und würde ja gern vernünftiger sein, hatte aber eh schon ein so unbarmherziges Leben.

Für den gesunden Mitbürger und die nicht verschüchterte Mitbürgerin gibt es eigentlich nur ein valides Argument zum Bestellen im Netz: Das Produkt ist analog nicht zugänglich. Das trifft, soweit ich weiß, auf alles mit ISBN und ISSN nicht zu. Ihr könntet also durchaus auch in den kleinen Buchladen eurer Stadt gehen und euch den netten Gedichtband von Herrn Hanack und Frau Pannier bestellen, der zwar nicht so preisgünstig ist, aber die Independent Verlagszene unterstützt und top als Geschenk für Verwandte und Freunde mit Hang zu Melancholie, Intellektualismus und Psychologisieren geeignet ist. Das wäre ganz gut, da Frau Pannier bereits seit Langem am Manuskript zu einem weniger gedichtlastigen Werk sitzt und wenigstens ein paar Käufe dem Verlag suggerieren würden: Da geht was, auch ohne analoges Marketing.

Dafür ist die Autorin nämlich zu schüchtern. Sie hat aber wohl kein ADS oder Asperger, wie die AutorInnen des N#MMER-Magazins. Dieses lässt sich mit ein wenig Geduld online anfordern und bietet wirklich mal innovatives Gedankengut. Je nach Zustand der eigenen Neurotransmitter kann mensch sich in den Beiträgen wiederfinden oder einen faszinierenden Einblick in andere Köpfe und Geister erhalten. Ein bisschen Hang zu Intellektualismus und Psychologisieren ist hier aber auch wieder ganz gut.

Wer es pragmatischer, aber doch irgendwie verwinkelt-technisch mag, sollte die Death Metal Band Incremate aus Dresden im Auge behalten, die nach vielen Jahren des Grübelns und Verbesserns endlich ein Album aufgenommen hat, das… Genau, bald online zu beziehen ist. Für jene, die nicht vor Ort wohnen. ADS und Melancholie scheinen mir hier weniger im Spiel zu sein, aber der Dauertrend Individualismus winkt durchaus. Von seiner Meta-Ebene aus.

Hippe junge Stadtmenschen vor allem, also Über-Individualisierte, wie es heißt, legten in den letzten Jahren vermehrt Wert auf gesundes und aufregendes Essen. Ein Trend, der allerdings schon wieder so verfestigt ist, dass er sich selbst in der industriellen Kleinkindnahrung zeigt. (off topic: da wird stilles Wasser in bunten Flaschen verkauft, die Einjährige gut greifen können sollen, da werden Guave-Kiwi-Mischungen in bunten Kunststoffquetschtüten verkauft.. hallo?!)
Diesem Trend hänge ich an, ohne hip, jung oder großstädtisch zu sein, ich vermute, es liegt am Sternzeichen. (Stier: gefräßig, hedonistisch und stur) Deshalb bringt die Lucky Vegan Box gedankliche und geschmackliche Abwechslung in meinen Alltag und ich schaffe es, das schlechte Gewissen wegen des Paketversands zu überwinden. Ich glotze jeden Monat die Produkte an und denke: Nein, aufregend! Oder: Das ist also Food-Trend!

Es ist aber wichtig, dann die Kurve zu kriegen. Mesotes hieß das glaub ich. Nicht übertreiben, für Ausgleich sorgen. Also für jedes online bestellte Kokoskonfekt zehn regionale Saisongemüsen direkt kaufen. Oder so.

Das mal so als Update. Bevor ich dann doch mal lesen sollte, was alte und neue Bekannte so umtreibt. Nicht immer nur selber posten, auch mal kommentieren. So funktioniert das doch mit dem Zwischenmenschlich-Digitalen?

hedonistischer Imperativ

Das sagt sie aber schön, die Frau von Schirach. Das Buch war vor einigen Jahren ein Bestseller, und das liegt, denke ich, auch an der Sprachgewandtheit, na und am Philosophischen, das heiter kredenzt wird.

Und deshalb schätzte ich den November eigentlich immer. Weil der hedonistische Imperativ ein wenig außer Kraft gesetzt ist. Wahrscheinlich nur als großes Luftholen für den Dezember, dessen Üppigkeit sich hierzulande keiner entziehen kann, wage ich zu behaupten. Aber trotzdem. Nochmal kurz innehalten, bevor vier Wochen Glühweinrausch und geselliges Kuchenfressen beginnen.

hedonistischer ImperativSeite 168 in „Der Tanz um die Lust“

Rausch und Depression

Seit Jahren grüble und analysiere ich herum, warum manche Menschen keinen Antrieb haben. Oder immer nur wenig und sich selbst täglich bequatschen müssen, doch nochmal was zu machen. Dazu hatte ich immer mal eine Idee, die mir jeweils blendend vorkam. Den jüngsten Erhellungsmoment hatte ich vor ein paar Wochen, als Daniel Kulla sein Buch „Leben im Rausch“ vorstellte. Da das Buch herumgereicht wurde, konnte ich auch als nicht-akustischer Aufnahmetyp etwas vom Inhalt erfassen, oder mir wenigstens eine Interpretation machen.
Nach dem Vortrag des Autors lag mir die Frage auf der Zunge, ob es nicht so gesehen werden könnte, dass eine Depression einfach ein Mangel an Berauschung ist. Aber irgendwie kam es dann nicht wirklich zu einer Fragerunde.
Deshalb hier erstmal eine Grafik:

Grafik zu verschiedenen Depressionsformen

Gute Grafik von einer anderen Internetseite. habe mir leider die Adresse nicht notiert. Sorry.

Meine Idee ist jetzt, dass vom Niveau unter der Linie schwierig ein Rausch, also ein Fließendes Geschehen, erreicht werden kann. In der Manie, also weit oberhalb der Linie, liegt der Rausch dagegen beständig nahe, sodass kaum noch realistisch gedacht werden kann. Da die meisten „normalen Durchschnittsbürger“ die meiste Zeit so um die Mittellinie rumkrebsen, suchen sie regelmäßig nach Alkohol, Käufen oder Reisen, um mal in einen Flow zu geraten, in ein Handeln ohne Zögern. (ich würde gerade gern in einen Schreibflow geraten und kippe Kaffee und tippe das hier, um danach im Flow die langweiligen Themen, für deren Schreiben ich Geld kriege, wie von allein zu tippen. Alles Kalkül.)
Das Buch ist nun ziemlich politisch und erklärt den Erfolg des Kapitalismus mit dem Wunsch der Bevölkerung nach Rausch, der ohne totalitäres Regime nicht mehr in Massenveranstaltungen und kollektivem Arbeitsrausch erfüllt werden kann. Das muss man nicht unbedingt so sehen und kann unpolitisierte Leserinnen auch abschrecken. Aber der „Rausch im Alltag“ erklärt auch die Existenz von Superevents, die immer üppiger werden, weil die Leute abgestumpft sind, sich aber neue, kollektive Räusche wünschen.

Vielleicht ist sogar das Steuern der Räusche der Schlüssel zum Menschen-Führen. Letztendlich lässt sich fast alles mit Rausch erklären, zum Beispiel Blutrausch oder das ständige Neue-Leute-Beeindrucken von Histrionikern.. Ein gezielt angesetzter Rausch macht Mut für den nächsten Tag. Das gilt für chronisch Depressive genauso wie für Soldaten vor dem Einsatz.

Macht misanthropisch, der Gedanke, lässt die Leute irgendwie billig wirken. Aber lässt sich auch nicht ändern. Und ist bestimmt gar kein neuer Gedanke 😉

Alles und zwar gleich: Ehehygiene

Das Cover ist ja schon ein wenig putzig und auch peinlich in der Öffentlichkeit: mit einem rosa Vibrator in der Hand grinst eine Dame aus den 1960er Jahren dem Betrachter entgegen. Aber es unterstreicht auch das gewiefte Marketing des Ullstein-Verlages. Im pink-modernen Design, post-Feuchtgebiete sozusagen, verkauft sich Anja Stiffels zeitgenössisch-humoriger Roman „Ehehygiene“ sicher besser als mit einem unauffälligeren Cover.

Erst die Unterhaltung, dann das Nachdenken

Mit voller Absicht hatte ich mich im November auf „Blogg dein Buch“ für seichte Lektüre entschieden. Hochintellektuelle Literatur habe ich zu Hause schon genug rumliegen und sie passt nicht zu meinem Adventsstress. Das Lesen über die Leiden einer Protagonistin, der das schöne Leben nicht heiß genug ist, schon. So saß ich denn mit dem Roman im Bus und kicherte vor mich hin. Um die 200 Seiten im lockeren Bridget-Jones-Stil warteten auf mich. Der Ausgangskonflikt beinhaltet die Ehefrau Mitte 30, die feststellen muss, das zwar ihre Mutter Sex hat, sie selbst aber vor Mutterpflichten, Sohn und kreativem Beruf nicht mehr dazu kommt. Oder durch allerlei konsumistische und soziale Ersatzbefriedigungen vielleicht auch gar keinen Bedarf mehr hat. „Warum will sie eigentlich unbedingt ficken wie eine Frischverliebte, wenn sie doch die Gemütlichkeit schätzt?“, fragte ich mich beim Durchlesen mehrfach. Ansätze zu Antworten werden mehrfach geboten, aber keiner überzeugt mich so richtig. Mitleid und Staunen über die esoterischen und luxuriösen Möglichkeiten, die den besseren Einkommensschichten geboten werden, ziehen beim Lesen mit Gebimmel und Gebammel durchs Hirn.

Vom Liebhaben und Lebenlassen

Aber nein, ich wollte mich doch amüsieren, also muss ich die gar nicht sooo oberflächlichen und wahrscheinlich auch nicht sooo fiktiven Ausführungen schätzen und nicht immer rumgrübeln. Die Heldin schätzt sich als sensibel und schwierig ein und bietet damit vermutlich vielen Frauen Identifikationspotential. Zudem erinnert sie sich, eigentlich schon immer eher prüde gewesen zu sein und sieht folglich auch erst nach vier Monaten ohne ehelichen Geschlechtsverkehr Handlungsbedarf. Es kommen diverse Methoden ins Spiel, die in den titelgebenden Ratgeberschriften sicher nicht angeführt wurden. Da wird ins Vier-Sterne-Hotel gefahren, eine Paartherapie angefangen, ein Kamasutra-Quartett gekauft oder eine Tantralehrerin besucht. Alles sehr lustig beschriebene Episoden, keine Frage. Das Ziel „weniger denken, mehr spüren“ wird jedoch selten erreicht und das Heldenpaar muss erst einen Seitensprung pro Person erleben, damit sich der Dauerkonflikt ums unerfüllte Sexualleben auflöst. Wir lernen beim Lesen, dass Zwang nicht funktioniert, sondern die lange Leine, Humor, Spontanität und manchmal auch Alkohol oder Esoterik zum Einklang von Hirn und Yoni führen. Schon allein deshalb würde ich das Buch weiterempfehlen, denn nicht jede möchte mit trockenen Fakten gegen den gesellschaftlichen Druck zur Selbstoptimierung überzeugt werden. Der Ton macht die Musik, das ist wie mit dem Wort Yoni, das viel schöner klingt als alle bisherigen Bezeichnungen wie Mumu oder Lustgrotte.

Von Cyberkatzen und Liebeskatzen.

Gestern war es wieder soweit: die Eindrücke von Vortag und Vorvortag hatten mich in die Knie gezwungen und ich schob die Moralstimme in mir zugunsten gnadenlosen Stubenhockens ab.
Gezieltes Stubenhocken und Faulenzen schafft Platz für Schaffenslust an folgenden Tagen, finde ich. Jedenfalls klappt das bei mir meist.
Jedenfalls..

Stundenlang mit Kaffee und Keksen am PC gehockt und „Cthulhu saves the world“ endlich mal weitergespielt. Besonders das Characterdesign hat es mir angetan, neben der SNES-Grafik natürlich.
Hinter mir hörte ich immer wieder schauriges Getröte und Gefiepe, das „lehrreiche Buch über Musikinstrumente“ war ein Fehlkauf. Es hat nämlich so chinesische überlaute Tonmodule, die der Albtraum jeden Elternteils sind.
Aber ich hatte mir ja einen moralfreien und faulen Tag vorgenommen, also drück doch noch ein zehntes Mal die Saxophontaste, Kind! Du wirst ja sicher nicht gleich hörgeschädigt von einem Tag und wenn schon, ein bisschen abgestumpfte Sinne sind nützlich in der Reizüberflutung der Moderne.
Ich bin leider noch nicht genug abgestumpft und begann mich nach meinen Ohrstöpseln zu sehnen. Mist, die sind im Rucksack. Den im anderen Raum suchen verträgt sich nicht mit Faulheit.
Also mehr auf Cthulhu und seine Gefährten konzentrieren. Nach vielen Stunden befanden die sich in einem Raumschiff, eine grüne Katze mit ausfahrbaren Tentakeln schloß sich an und es galt unter anderem Kühe, die mit Maschinenpistolen ausgestattet sind („Bovinator“, hihi), zu bekämpfen. Ich musste feixen und verlief mich ständig in dem Raumschiffdungeon, aber egal.
Nach weiteren Stunden mit grünen Katzen im Blick und Getröte im Nacken war Kinderschlafenszeit und mein Hirn lila Matschepampe.
Ich fing an, unkontrolliert durchs Netz zu klicken und lernte dabei u.a. dass in der Nähe von Magdeburg neuerdings Holzdildos („splitterfrei durch Lackversiegelung“) hergestellt werden. Dann fand ich einen Verlag, dessen Name wie ein Nagellackprogramm klang. Ich sah schwülstige Coverbilder und ein programmatisches „Erotik von Frauen für Frauen“, las mir die Manuskriptbedingungen durch und dachte: Ja !
Dann ging ich auf die Couch und fing kichernd an, mir einen Buchinhalt auszudenken, die Zielgruppe „einsame Frauen 45-65 J.“ fest im Sinn. (Heute habe ich noch mal das Verlagsprogramm angeguckt, vielleicht ist es gar nicht so schubladenhaft, aber egal, gestern war es schön mit der Schublade:)

Da ist die geschiedene Mutter, die mit ihrem Kater ein gesetztes Leben führte, bis der Kater verschwand. Und da ist der Mann aus der Nachbarschaft, der ein dröges Leben mit seiner Katze hatte, bis selbige nicht mehr in die Wohnung kam.
Hauptteil:
Mann und Frau treffen sich wegen Suchzettel und zeigen sich gegenseitig den Kater, der auf der Katze, welche rollig war, klebt. Es foglen verbale Streitigkeiten am Küchentisch. Die Katze wirft acht Junge. Deshalb müssen sich Mann und Frau noch mehrfach treffen, um die Modalitäten der Jungtiervergabe abzusprechen.
Happy-End (vom Verlag verlangt):
Während eines erhitzten Gespräch am Küchentisch („Sie haben Schuld, weil Ihre Katze nicht sterilisiert war!“ – „Nein, Sie mit Ihrem Casanovakater sind schuld!“) macht es plötzlich plopp und die Menschen verstummen, es liegt ein Flirren in der Luft, der Mann sagt: „Ach, Sabine, lass es uns wie die Katzen machen!“ Sabine errötet und haucht: „Aber Peter, ich kann doch keine acht Jungen kriegen!“
Sodann ziehen beide Menschen und zehn Katzen zusammen in eine Wohnung.
Herzallerliebst ! Und wie dazu erst ein schwülstiges Cover aussähe..

spontaner entwurf. etwas pubertär.

Auf Nelly Arcan und Audrey Sylvain.

Larven allerorten.
Euer Larvenekel. Die logische Antwort auf das fehlende Fragen der Larven.

Flügellose Larven.
Wer denkt, wird nie fliegen. Euer Tanzen und Singen, Ficken und Schreien:

Schöner Versuch.
Schöner euer Larvenblick. Im Flug aber liegt die Schönheit.