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Am Rande

„Warum seid ihr denn hier?“ fragt der Mittvierziger neben Linus. Er ist der Typ netter Einfamilienhausbewohner und hat Linus erklärt, dass er normalerweise nicht in dieser Tittenbar verkehre. Nur heute abend, wegen des Junggesellenabschieds. Dabei grinst der Sitznachbar und zwingt Linus wortreich einen Tittendollar auf, auch wenn Linus mit sicherer Stimme antwortet, er sei wegen des White Russian hier, der hier sehr gut sei. Die athletische Tänzerin auf der Bühne vor Linus sieht nun, dass er endlich mit einem Papierschein ausgestattet ist und wird ihn bedrängen, diesen an ihren Körper zu stecken, wenn sie das nächste Mal vorbei kommt. In was für eine Situation René ihn da wieder gebracht hat, denkt Linus. Aber: wollte er das nicht selbst, mal so eine Proletenhölle von innen sehen ? Ja, schon, aber doch mehr von hinten, als passiver Beobachter. Und nun war hinten kein Platz mehr frei und Linus ist gefangen am Bühnenrand. René ist knauserig und keine Hilfe bei dem Versuch nicht aufzufallen. Die akkurat geschminkte Tänzerin verwickelt René in eine Diskussion, warum er seinen einen Schein nicht endlich in ihren Slip stecken wolle, dann wickelt sie sich genervt wieder um die Stange und wird von den anderen Männern mit Rufen angefeuert. Lieber Himmel, denkt Linus, wenn die Frau wenigstens scharf wäre. Aber so erdrückt mich die Athmosphäre, diese Rummelplatzstimmung. Ich kann so nicht erotisch denken. Ich will so nicht an eine Frau fassen. Der White Russian ist wirklich lecker. Und ich wollte aber die Welt verstehen. Linus will sich auf keinen Fall blamieren. Das mit dem Nichtauffallen klappt eh nicht mehr. Wohlwollend klopft ihm der beschwipste Sitznachbar auf die Schulter: Nun mach mal, Junge ! Die Tänzerin räkelt sich vor ihm. Linus kann durchaus glauben, dass die Frau hier gern Objekt ist. Aber was soll dieses Ritual mit dem Schein, wer ist denn so trivial im Kopf zu glauben.. Bin ich nicht trivial genug im Denken ? Ach Shit, ran jetzt mit dem Schein, bestimmt gucken schon alle ungeduldig. Mit Fingern, die er für souverän hält, schiebt Linus den Tittendollar unter die Höschenkante. Kurz mit einer Hand anheben, einen Zentimeter nur, mit der anderen hinschieben, bloß nichts falsch machen, geh vorbei Moment. Linus will beinahe aufatmen, da spürt er seine Hand auf den Po der Tänzerin klatschen. Sie hatte sein Handgelenk genommen und seine Bewegung geführt. Linus wehrt sich nicht und hofft, es ihr recht zu machen. Und tatsächlich, mit einem siegessicheren Lächeln geht die geschmeidige Fastnackte zum Sitznachbarn, der lachelnd Scherze und geschmeidige Flirtbewegungen macht.

Rausch und Depression

Seit Jahren grüble und analysiere ich herum, warum manche Menschen keinen Antrieb haben. Oder immer nur wenig und sich selbst täglich bequatschen müssen, doch nochmal was zu machen. Dazu hatte ich immer mal eine Idee, die mir jeweils blendend vorkam. Den jüngsten Erhellungsmoment hatte ich vor ein paar Wochen, als Daniel Kulla sein Buch „Leben im Rausch“ vorstellte. Da das Buch herumgereicht wurde, konnte ich auch als nicht-akustischer Aufnahmetyp etwas vom Inhalt erfassen, oder mir wenigstens eine Interpretation machen.
Nach dem Vortrag des Autors lag mir die Frage auf der Zunge, ob es nicht so gesehen werden könnte, dass eine Depression einfach ein Mangel an Berauschung ist. Aber irgendwie kam es dann nicht wirklich zu einer Fragerunde.
Deshalb hier erstmal eine Grafik:

Grafik zu verschiedenen Depressionsformen

Gute Grafik von einer anderen Internetseite. habe mir leider die Adresse nicht notiert. Sorry.

Meine Idee ist jetzt, dass vom Niveau unter der Linie schwierig ein Rausch, also ein Fließendes Geschehen, erreicht werden kann. In der Manie, also weit oberhalb der Linie, liegt der Rausch dagegen beständig nahe, sodass kaum noch realistisch gedacht werden kann. Da die meisten „normalen Durchschnittsbürger“ die meiste Zeit so um die Mittellinie rumkrebsen, suchen sie regelmäßig nach Alkohol, Käufen oder Reisen, um mal in einen Flow zu geraten, in ein Handeln ohne Zögern. (ich würde gerade gern in einen Schreibflow geraten und kippe Kaffee und tippe das hier, um danach im Flow die langweiligen Themen, für deren Schreiben ich Geld kriege, wie von allein zu tippen. Alles Kalkül.)
Das Buch ist nun ziemlich politisch und erklärt den Erfolg des Kapitalismus mit dem Wunsch der Bevölkerung nach Rausch, der ohne totalitäres Regime nicht mehr in Massenveranstaltungen und kollektivem Arbeitsrausch erfüllt werden kann. Das muss man nicht unbedingt so sehen und kann unpolitisierte Leserinnen auch abschrecken. Aber der „Rausch im Alltag“ erklärt auch die Existenz von Superevents, die immer üppiger werden, weil die Leute abgestumpft sind, sich aber neue, kollektive Räusche wünschen.

Vielleicht ist sogar das Steuern der Räusche der Schlüssel zum Menschen-Führen. Letztendlich lässt sich fast alles mit Rausch erklären, zum Beispiel Blutrausch oder das ständige Neue-Leute-Beeindrucken von Histrionikern.. Ein gezielt angesetzter Rausch macht Mut für den nächsten Tag. Das gilt für chronisch Depressive genauso wie für Soldaten vor dem Einsatz.

Macht misanthropisch, der Gedanke, lässt die Leute irgendwie billig wirken. Aber lässt sich auch nicht ändern. Und ist bestimmt gar kein neuer Gedanke 😉

Gewerkschaft gegen Winterspeck

7.45 Uhr: Groß und rot steht in der Zeitung „Keine Busse“. Schon schade, denke ich, aber ich will ja Tram fahren. Lese weiter hinten: „… und keine Straßenbahnen.“ Ach nein, denke ich, aber nicht vorher paniken, bestimmt drohen die nur rum. Sonst bin ich ja meistens die, die unnötige Befürchtungen schiebt und einsehen muss, dass alles doch nicht so schlimm kommt. Aber heute nicht, da gehe ich optimistisch ran und verlasse um 8.15 Uhr mit meinem Kalten Hund im Rucksack und dem Kind auf der Hüfte das Haus. Von Weitem sieht die Haltestelle hoffnungsverheißend aus, es stehen Leute da und die digitale Anzeige hat mehrere leuchtende Zeilen. Von Nahem gucken die Leute trübe und die unterste Digitalzeile sagt: Warnstreik 3 bis 9 Uhr – mehr Infos unter vip-potsdam.de ! Super, denke ich, ja soll ich jetzt laut rufen: Hallo, hat hier jemand ein Smartphone und teilt die VIP-Infos ?
Dann warte ich fünf Minuten, weil man das als guter Deutscher so macht, immer skeptisch gegenüber offiziellen Daten bleiben, es könnte ja sein, dass trotzalledem ein Tramfahrer arbeitet. Viele Leute bleiben eisern stehen und brauchen wahrscheinlich 12 Minuten zum Kapieren, weil sie ihre Brille nicht dabei haben und nicht mit den Mitmenschen reden wollen. Ich gehe dann und erkläre: Die Tramfahrer sind heute trotzig und arbeiten nicht. Komm, wir holen die Karre aus dem Keller. Hoffentlich schaffen wir damit den Weg. Das Kind hatte seinen eigenen Trotzanfall schon in der Küche oben erledigt und ist nun außerordentlich kooperativ. Es lässt sich sogar klaglos anschnallen, als ich das erste Mal seit circa einem Jahr den erprobten Billigbuggy an den Start bringe. Dann laufe und schiebe ich los. 8.29 Uhr. Ha, denke ich, andere Mausis belegen extra teure „Jogging with Mummy“-Kurse, ich brauch kein Geld, sondern nur Zwang.
Ich wähle den umständlichen, aber vielleicht kürzeren Weg durch die Plattenbauhinterhöfe. Schließlich kenn ich mich aus und habe im ersten und zweiten Babyjahr viele langweilige und auch verzweifelte Spaziergänge durch diese Gegend gemacht. Dabei habe ich eine Demut erlernt, die vielen Gutverdienern abgeht. Naja, vielleicht ist das auch nur so ein Trotzgedanke. Nach sechs Minuten flotten Schiebens merke ich meinen Kreislauf und denke an die vielen Sonntagnachmittage, an denen ich gelangweilt und auch verzweifelt mit dem Rad durch die ehemaligen Bergbaulandschaften meiner alten Heimat fuhr, bis ich mich abseits der Wege im Morast verhakte und mich samt Rad langsam raustrecken musste. Im Stern, wie das hiesige Plattenbaugebiet heißt, sind die Wege aber fest und die Hinterhöfe voller Spielplätze und Sitzbänke. Unnötig zu erwähnen, dass ich all diese Rutschen, Bänke und Kletterkugeln an langweiligen, kühlen Nachmittagen unter skeptischen Blicken einsamer Rentnerinnen früher ausprobiert hatte. Eine große Freude, mittlerweile einen Kitaplatz zu haben, ergreift mich. Und, haha, wenn ich mich jetzt beeile, werde ich trotz Laufens eher in der Kita sein, als die Öko-Kapitalisten mit ihren dicken Karren, die ihre fairtradegewandeten Nachwüchse erst 9.17 Uhr abgeben. Und meist schon vor 16 Uhr wieder abholen. An manchen Tagen, wenn das Kind im Kitaflur trotzig ist, gehen sie auch einfach samt Kind wieder heim. Ich frage mich, wie die überhaupt einen Unter-3-Jahre-Platz erhalten haben, damals. Es musste doch was nachgewiesen werden für den Rechtsanspruch. Wahrscheinlich selbstständiges Gewerbe angemeldet, das darin besteht, 3 Schals pro Woche für Dawanda zu nähen. Aber ich habe kein Recht zu motzen und könnte ja auch einen Grüne-Wähler mit dicker Brieftasche heiraten, wenn ich neidisch wäre.

Mittlerweile bin ich 13 Minuten unterwegs und mir ist heiß. Ich passiere Haltestelle Nummer Zwei von Vier und komme nach Drewitz rein. Das ist der offiziell heruntergekommenste Stadtteil von Potsdam und mir wird da immer heimelig zu Mute. Vor mir läuft eine Mutter mit sehr dicker Kiste, die vielleicht dieselbe ist, die neulich in das Drewitzer Eiscafé kam, darin ich mit meiner Oma saß. Sie kam durch die Tür und ich flüsterte zu Oma: Na, hab ich dir zuviel Ghetto versprochen ? Früher habe ich damit gehadert, nicht zu Fuß an einen kulturell oder kulinarisch hochwertigen Ort gelangen zu können. Jetzt sehe ich ein, dass Drewitz gut gegen meine Minderwertigkeitskomplexe ist. Da, links kommt das Havel-Nuthe-Center. Nach der Kita gehe ich gern dadrin Kohlköpfe für 45 Cent das Kilo kaufen und sehe den vermeintlichen Arbeitslosen, Rentnern und Hausfrauen beim Eis, Bier oder Cola kaufen zu. Dann fühle ich mich überlegen, wenn ich Kohl, Sojamilch und Wellnesstee auf das Band lege. Im Centergang kriege ich meist heftige Nostalgiegefühle und wähne mich als Teenager in ebensolchen Kleinstadtcentern, wo wir aus Langeweile chinesische Dekoartikel oder Billigwein kauften. Gegenüber ist der Schmuddelmexikaner, in den ich meine Verwandten zum Mittagstisch zu lotsen pflege. Weiter vorne ist der Ernst-Busch-Platz und weil auch an Haltestelle 3 von 4 noch immer nichts fährt, schiebe ich quer über den Platz, langsam genervt von dem Gelatsche. Der Platz ist eigentlich cool und unter einem Glasdach im DDR-Stil steht stets ein Klamottenmarkthändler mit Vokuhila. Ein alter Reflex hindert mich daran, solchen Typen zu nahe zu kommen, aber wenn man nicht in Gesprächsreichweite kommt, sind diese Menschen ganz putzig.
8.53 Uhr: durchaus im Lauf-Flow, oder wie das heißt, werde ich richtig mutig und biege in einen Hinterhof ein, den ich noch nicht kenne. Dort parkt ein Porta-LKW in der Wendeschleife. Jaja, die billigsten Wohnungen haben, aber die teuersten Möbel bestellen. Zwischen Bordsteinkante und LKW-Rampe wird es leider eng, ich quetsche den Buggy durch und erleide räudige Erinnerungen an meine Zeit als Kleinwagenfahrerin auf der Autobahn. Vor mir ein Riesen-LKW, hinter mir ein lichthupender LKW, mein Beifahrer schreit mich an, ich denke gleich zerquetscht zu werden und stammel nur panisch vor mich hin, anstatt Gas zu geben und die Spur zu wechseln. Irgendwie habe ich das aber überlebt und auch den Tag, als ich auf einer anderen Autobahn bremste und gegen die Leitplanke rutschte und auch den Aufprall mit dem Wildschwein und das Aquaplaning auf der Bundesstraße, aber alles in allem ist das Fahren mit den Öffentlichen besser für Menschen, die nicht gern verantwortlich sind. Nach dem Sinnieren ist es 8.56 Uhr und ich sehe üppige Familienkutschen um die Ecke biegen, die Kita ist nahe. Ich gebe das Kind erfolgreich ab und versuche für den Rückweg die Karre zusammenzufalten. Es gelingt nicht. Egal, sieht zwar peinlich aus, die Alte schiebt einen leeren Buggy, haha, aber es ist energieschonender zu schieben als ein Gestell zu tragen. Denn auch 09.04 Uhr stehen nur graue Menschen an der Haltestelle (Nummer 4), die Digitalanzeige sagt gar nichts mehr. Ich beginne also, den ganzen Weg zurückzuschieben, merke ein Loch im Magen und denke an Strindberg. August Strindberg. Da gibt es so eine Stelle in einer frauenkritischen Novelle, da muss der verarmte Theaterautor hungrig ins Bett, was ihm nichts ausmacht weil er es gewohnt ist, aber sein Liebchen ist es nicht gewohnt und jammert rum und kann nicht schlafen. „Luxusweibchen!“, werde ich auch manchmal verspottet. Aber es nützt nichts und muss weitergehen. Wieder am Ernst-Busch-Platz sitzen junge Mütter mit Buggys unter einem Schriftzug: Na ihr Alkis 🙂 Gestern morgen saßen da noch junge Männer mit Bierflaschen. Kurz nach Haltestelle 3 darf ich wieder denken: Ha, andere bezahlen 50 Euro die Stunde für Meditation und Ausdauertraining, ich habe das kostenlos. Oh, eine Blaumeise. Oh, eine Nebelkrähe. Oh, die Gruselkita, da gehen doch nur die Ungebildetsten hin, die nicht stört, wenn das Kind zum Essen gezwungen und angeschrien wird. Da werden die Minderwertigen von Morgen gezüchtet. Gezüchtigt wegen Nervenmangel.
Schnell weiter. Hunger. Nicht durch den Mund atmen. Einen Bus immerhin um 9.10 gesehen. Der Verkehr tut’s wieder. Aber jetzt auch nicht mehr, den Rest schaff ich auch ohne euch, ätsch. Um 9.25 Uhr in mein Haus getreten, die Karre im Keller verstaut, rauf auf die Treppen. Der Mann aus dem untersten Stock kommt auch rein, der ist Busfahrer. Schön, dass deine Kollegen mehr Geld haben wollen und das auf dem Rücken derer durchsetzen wollen, die kein Geld für Taxi oder spontanen Urlaub haben. Oben angekommen denke ich: Das könnte der Anfang einer Fitnesskampagne sein. Wochenlang nur auf der Couch gesessen. Diese Verkehrsgesellschaft will sich abschaffen, indem sie ihre Kunden zu mehr Kondition zwingt. Wenn ich jetzt alles laufe oder radfahre, würde in drei Monaten mein Wohlstandsbäuchlein kleiner. Und mein Gewissen dicker. Aber ach, wer honoriert das schon. Her mit dem Kalten Hund. Kokosfett, Nougatkuvertüre und Keks.

Sieben Minuten Herzscheisse

Wir sitzen auf einer Bank und warten auf die Tram. Sieben Minuten. Hinter uns ein Jugendlicher und eine Jugendliche. Und dann geht das Geheule los. „Warum bist du so-ho ? Buuuuhuuuu…“ Der Typ darauf immer wieder: „Ich hab kein Bock auf dich. Verpiss dich. Du kannst ge-hen. Tschü-hüss.“ Die Tussi darauf immer wieder: „Aber ich hab doch bei Facebook gelöscht. Wäääähäää…“ und ihre Stimme ist ganz, ganz unemanzipiert.
Ich bin hin und her gerissen zwischen Misanthropie und Philanthropie, Diskretion und Faszination. Ein Teil von mir möchte hingehen und sagen: „Alte, wie würdelos bist du denn. Check doch, dass der Macker nichts von dir will und krieg dich wieder ein.“ Der andere Teil ist angeekelt und will weggehen. Der nächste Teil denkt: „Geil, das is ja wie in dem Lied. Aber Original. Und vielleicht haut der ihr gleich eine rein, dann kannste Zeugenaussage machen.“
Ich hätte es dem Typen nicht verübelt, wenn er sie irgendwie weggestoßen hätte, sein Geduldsfaden wurde sehr beansprucht. Meiner wär auch fast gerissen.
Tochter: „Was ist denn da hinter uns los?“ Ich: „Ein kleiner Streit.“ Tochter: „Warum denn?“ ich: „Ja, sie ist in den verliebt, aber der will das gar nicht.“ Die Tochter kräuselt die Stirn. „Warum hat der dann zweimal gespuckt?“ Ich, rückfallend in meine Muster als erprobtes Mobbingopfer: „Frag das lieber nicht so laut, sonst beschimpft der uns auch noch.“
Typ: „Ey checkst du es nicht ? Ich hab kein Bock auf dich, Alte!“ Tussi: „Aber, aber, wuuuuuhuuuuwäääähäää…“
Sieben Minuten können verdammt lang sein.
Dann kommt die Bahn, ich erwarte irgendwie, dass sie sich jetzt an ihn hängt, er sie wegwirbelt und ein Unfall passiert, aber er steigt ein, wir auch und die Tussi nimmt eine stabile Verzweiflungsposition ein, um noch ein bisschen lauter zu heulen. Aus der Tram heraus beobachte ich, wie eine 40+Mausi der Marke Bürgerservice versucht, mit der Tussi zu reden. Aber es scheint nichts zu helfen. Buuuuhuuuu !

Es ist der Information egal.

„Letztlich ist der Information egal, auf welchem Weg sie den Nutzer erreicht.“

– ein Satz aus einer Businesstippsammlung, der mich aus meinem Businessmodus reißt. Wie war das noch, neulich kurz nach neun am Morgen, als ich aufwachte und platt gewälzt war von Datenbröckchen, die mich benutzten und es war ihnen egal, wie..  Es war ziemlich wuschig, salopp gesagt. Ich weiß nicht, ob ich das in Ordnung finde, wenn Daten Menschen als Wirt nutzen um sich zu vergnügen. Andererseits, wer wollte es ihnen verbieten ? – Ich, als angehende Animistin, sicher nicht. Und ich, als dysthyme Persönlichkeit, sicher auch nicht. Nehmt schon, ihr Daten, wenn ihr diese Person benutzt, dann hat sie wenigstens einen kleinen Sinn; nehmt hin.

In diesem Jahr bleibt es vielleicht noch bei so harmlosen Nutzungsstunden, nach denen ich aufwache und glotze und murmel: „Wo bin ich ? Wo ist mein Auto ? Warum ist das Bett so groß ? Was ist das für ein blaues Karnickel ?“, aber in einigen Jahrzehnten, darauf bin ich freudig vorbereitet, stehe ich ganz als  bereit. Dann klapper ich wirr durch die Straßen, so wie dieser Rollstuhlopi, der immer eine Sonnenblume dabei hat und um den Hauptbahnhof herum saust. Das wird gut. Den Informationen ist es letztlich egal, wie ich zu ihren Plänen stehe.

Bockwurstvoyeurist

(aus der Reihe „Unangenehme Reisemomente“. Beim Zettelsortieren gefunden.)

Der Senf ist scharf, der Wurstdarm hart;
Der Bockwurstvoyeurist Minuten starrt.
Er grinst, wie nur die Alten lächeln
und wenn ich hinsehe, sieht er peinlich berührt weg.


Ein Familienanstarrer, sicher selbst einsam.
Geht er auch auf Spielplätze starren?


Wie eine feuchte Eichel glänzt das Wurstfleisch
und das Kind bekleckert sich mit [..?] und Senf
und der Bockwurstvoyeurist kichert
und sein Goldzahn glänzt.


Der B-V setzte sich extra gegenüber, der Zug ist leer.
Er ist distanzlos und sagt doch nichts.

Kann mal passieren.

So. Ich habe keine Lust mehr auf Realitäten. Geht mir vom Leib, Kausalitäten.
Kommt heute nicht und morgen nicht und übermorgen …
gehen wir Tee trinken. Schon gut, ihr Alles, ihr Möchten und Werden. Ich weiß ja, ihr seid auch nur Entitäten. Blabla.

Ging ein Mann in den Schneeladen und schrie: Hände tiefer, ihr Wichser ! So nicht, das reicht nicht, ihr Flachwichser !
Die Verkäuferin verstarrte wild und frug: Wie kann man denn flach wichsen, wer legt denn da die Richtung fest ?
Ist das denn mein Problem ?, wieherte der Mann und griff den ganzen Schnee ab.

Fläche ab, Kaufen ab.