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Gewerkschaft gegen Winterspeck

7.45 Uhr: Groß und rot steht in der Zeitung „Keine Busse“. Schon schade, denke ich, aber ich will ja Tram fahren. Lese weiter hinten: „… und keine Straßenbahnen.“ Ach nein, denke ich, aber nicht vorher paniken, bestimmt drohen die nur rum. Sonst bin ich ja meistens die, die unnötige Befürchtungen schiebt und einsehen muss, dass alles doch nicht so schlimm kommt. Aber heute nicht, da gehe ich optimistisch ran und verlasse um 8.15 Uhr mit meinem Kalten Hund im Rucksack und dem Kind auf der Hüfte das Haus. Von Weitem sieht die Haltestelle hoffnungsverheißend aus, es stehen Leute da und die digitale Anzeige hat mehrere leuchtende Zeilen. Von Nahem gucken die Leute trübe und die unterste Digitalzeile sagt: Warnstreik 3 bis 9 Uhr – mehr Infos unter vip-potsdam.de ! Super, denke ich, ja soll ich jetzt laut rufen: Hallo, hat hier jemand ein Smartphone und teilt die VIP-Infos ?
Dann warte ich fünf Minuten, weil man das als guter Deutscher so macht, immer skeptisch gegenüber offiziellen Daten bleiben, es könnte ja sein, dass trotzalledem ein Tramfahrer arbeitet. Viele Leute bleiben eisern stehen und brauchen wahrscheinlich 12 Minuten zum Kapieren, weil sie ihre Brille nicht dabei haben und nicht mit den Mitmenschen reden wollen. Ich gehe dann und erkläre: Die Tramfahrer sind heute trotzig und arbeiten nicht. Komm, wir holen die Karre aus dem Keller. Hoffentlich schaffen wir damit den Weg. Das Kind hatte seinen eigenen Trotzanfall schon in der Küche oben erledigt und ist nun außerordentlich kooperativ. Es lässt sich sogar klaglos anschnallen, als ich das erste Mal seit circa einem Jahr den erprobten Billigbuggy an den Start bringe. Dann laufe und schiebe ich los. 8.29 Uhr. Ha, denke ich, andere Mausis belegen extra teure „Jogging with Mummy“-Kurse, ich brauch kein Geld, sondern nur Zwang.
Ich wähle den umständlichen, aber vielleicht kürzeren Weg durch die Plattenbauhinterhöfe. Schließlich kenn ich mich aus und habe im ersten und zweiten Babyjahr viele langweilige und auch verzweifelte Spaziergänge durch diese Gegend gemacht. Dabei habe ich eine Demut erlernt, die vielen Gutverdienern abgeht. Naja, vielleicht ist das auch nur so ein Trotzgedanke. Nach sechs Minuten flotten Schiebens merke ich meinen Kreislauf und denke an die vielen Sonntagnachmittage, an denen ich gelangweilt und auch verzweifelt mit dem Rad durch die ehemaligen Bergbaulandschaften meiner alten Heimat fuhr, bis ich mich abseits der Wege im Morast verhakte und mich samt Rad langsam raustrecken musste. Im Stern, wie das hiesige Plattenbaugebiet heißt, sind die Wege aber fest und die Hinterhöfe voller Spielplätze und Sitzbänke. Unnötig zu erwähnen, dass ich all diese Rutschen, Bänke und Kletterkugeln an langweiligen, kühlen Nachmittagen unter skeptischen Blicken einsamer Rentnerinnen früher ausprobiert hatte. Eine große Freude, mittlerweile einen Kitaplatz zu haben, ergreift mich. Und, haha, wenn ich mich jetzt beeile, werde ich trotz Laufens eher in der Kita sein, als die Öko-Kapitalisten mit ihren dicken Karren, die ihre fairtradegewandeten Nachwüchse erst 9.17 Uhr abgeben. Und meist schon vor 16 Uhr wieder abholen. An manchen Tagen, wenn das Kind im Kitaflur trotzig ist, gehen sie auch einfach samt Kind wieder heim. Ich frage mich, wie die überhaupt einen Unter-3-Jahre-Platz erhalten haben, damals. Es musste doch was nachgewiesen werden für den Rechtsanspruch. Wahrscheinlich selbstständiges Gewerbe angemeldet, das darin besteht, 3 Schals pro Woche für Dawanda zu nähen. Aber ich habe kein Recht zu motzen und könnte ja auch einen Grüne-Wähler mit dicker Brieftasche heiraten, wenn ich neidisch wäre.

Mittlerweile bin ich 13 Minuten unterwegs und mir ist heiß. Ich passiere Haltestelle Nummer Zwei von Vier und komme nach Drewitz rein. Das ist der offiziell heruntergekommenste Stadtteil von Potsdam und mir wird da immer heimelig zu Mute. Vor mir läuft eine Mutter mit sehr dicker Kiste, die vielleicht dieselbe ist, die neulich in das Drewitzer Eiscafé kam, darin ich mit meiner Oma saß. Sie kam durch die Tür und ich flüsterte zu Oma: Na, hab ich dir zuviel Ghetto versprochen ? Früher habe ich damit gehadert, nicht zu Fuß an einen kulturell oder kulinarisch hochwertigen Ort gelangen zu können. Jetzt sehe ich ein, dass Drewitz gut gegen meine Minderwertigkeitskomplexe ist. Da, links kommt das Havel-Nuthe-Center. Nach der Kita gehe ich gern dadrin Kohlköpfe für 45 Cent das Kilo kaufen und sehe den vermeintlichen Arbeitslosen, Rentnern und Hausfrauen beim Eis, Bier oder Cola kaufen zu. Dann fühle ich mich überlegen, wenn ich Kohl, Sojamilch und Wellnesstee auf das Band lege. Im Centergang kriege ich meist heftige Nostalgiegefühle und wähne mich als Teenager in ebensolchen Kleinstadtcentern, wo wir aus Langeweile chinesische Dekoartikel oder Billigwein kauften. Gegenüber ist der Schmuddelmexikaner, in den ich meine Verwandten zum Mittagstisch zu lotsen pflege. Weiter vorne ist der Ernst-Busch-Platz und weil auch an Haltestelle 3 von 4 noch immer nichts fährt, schiebe ich quer über den Platz, langsam genervt von dem Gelatsche. Der Platz ist eigentlich cool und unter einem Glasdach im DDR-Stil steht stets ein Klamottenmarkthändler mit Vokuhila. Ein alter Reflex hindert mich daran, solchen Typen zu nahe zu kommen, aber wenn man nicht in Gesprächsreichweite kommt, sind diese Menschen ganz putzig.
8.53 Uhr: durchaus im Lauf-Flow, oder wie das heißt, werde ich richtig mutig und biege in einen Hinterhof ein, den ich noch nicht kenne. Dort parkt ein Porta-LKW in der Wendeschleife. Jaja, die billigsten Wohnungen haben, aber die teuersten Möbel bestellen. Zwischen Bordsteinkante und LKW-Rampe wird es leider eng, ich quetsche den Buggy durch und erleide räudige Erinnerungen an meine Zeit als Kleinwagenfahrerin auf der Autobahn. Vor mir ein Riesen-LKW, hinter mir ein lichthupender LKW, mein Beifahrer schreit mich an, ich denke gleich zerquetscht zu werden und stammel nur panisch vor mich hin, anstatt Gas zu geben und die Spur zu wechseln. Irgendwie habe ich das aber überlebt und auch den Tag, als ich auf einer anderen Autobahn bremste und gegen die Leitplanke rutschte und auch den Aufprall mit dem Wildschwein und das Aquaplaning auf der Bundesstraße, aber alles in allem ist das Fahren mit den Öffentlichen besser für Menschen, die nicht gern verantwortlich sind. Nach dem Sinnieren ist es 8.56 Uhr und ich sehe üppige Familienkutschen um die Ecke biegen, die Kita ist nahe. Ich gebe das Kind erfolgreich ab und versuche für den Rückweg die Karre zusammenzufalten. Es gelingt nicht. Egal, sieht zwar peinlich aus, die Alte schiebt einen leeren Buggy, haha, aber es ist energieschonender zu schieben als ein Gestell zu tragen. Denn auch 09.04 Uhr stehen nur graue Menschen an der Haltestelle (Nummer 4), die Digitalanzeige sagt gar nichts mehr. Ich beginne also, den ganzen Weg zurückzuschieben, merke ein Loch im Magen und denke an Strindberg. August Strindberg. Da gibt es so eine Stelle in einer frauenkritischen Novelle, da muss der verarmte Theaterautor hungrig ins Bett, was ihm nichts ausmacht weil er es gewohnt ist, aber sein Liebchen ist es nicht gewohnt und jammert rum und kann nicht schlafen. „Luxusweibchen!“, werde ich auch manchmal verspottet. Aber es nützt nichts und muss weitergehen. Wieder am Ernst-Busch-Platz sitzen junge Mütter mit Buggys unter einem Schriftzug: Na ihr Alkis 🙂 Gestern morgen saßen da noch junge Männer mit Bierflaschen. Kurz nach Haltestelle 3 darf ich wieder denken: Ha, andere bezahlen 50 Euro die Stunde für Meditation und Ausdauertraining, ich habe das kostenlos. Oh, eine Blaumeise. Oh, eine Nebelkrähe. Oh, die Gruselkita, da gehen doch nur die Ungebildetsten hin, die nicht stört, wenn das Kind zum Essen gezwungen und angeschrien wird. Da werden die Minderwertigen von Morgen gezüchtet. Gezüchtigt wegen Nervenmangel.
Schnell weiter. Hunger. Nicht durch den Mund atmen. Einen Bus immerhin um 9.10 gesehen. Der Verkehr tut’s wieder. Aber jetzt auch nicht mehr, den Rest schaff ich auch ohne euch, ätsch. Um 9.25 Uhr in mein Haus getreten, die Karre im Keller verstaut, rauf auf die Treppen. Der Mann aus dem untersten Stock kommt auch rein, der ist Busfahrer. Schön, dass deine Kollegen mehr Geld haben wollen und das auf dem Rücken derer durchsetzen wollen, die kein Geld für Taxi oder spontanen Urlaub haben. Oben angekommen denke ich: Das könnte der Anfang einer Fitnesskampagne sein. Wochenlang nur auf der Couch gesessen. Diese Verkehrsgesellschaft will sich abschaffen, indem sie ihre Kunden zu mehr Kondition zwingt. Wenn ich jetzt alles laufe oder radfahre, würde in drei Monaten mein Wohlstandsbäuchlein kleiner. Und mein Gewissen dicker. Aber ach, wer honoriert das schon. Her mit dem Kalten Hund. Kokosfett, Nougatkuvertüre und Keks.

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Gefräßige Gedanken zu Filmen

Aufschrauben
Wiener Würstchen im Glas
dann der Fleischgeruch
Würste im Film dereinst
Würste in Vaginas

im Gedanken
und den Ekel im Hirn

Ohne Hirn:
Zombies im Punkerfilm,
Hackfressen und Ami-Chöre
den Saal verlassen: zu fröhlich die Musik

Und die Würste und Vaginas und Hackfressen
aus dem Hirn streichen, umdenken, vergessen:
ein Lied aus einem guten Moment an
und das ins Hirn rufen:
die Pantherin mit schlechtem Rotwein und Überraschung
alles plötzlich gut und vor ihr tanzende Gutmenschen
aller Horror weit weg

Angst vor der Parallelwelt der Kranken

Seit 48h ein Brennen im Rachen, als ob man zuviele griechische Speisen verdrückt hätte. Das ist besonders ärgerlich, weil ich vor circa einer Woche noch großen Appetit auf Knoblauchkartoffelbrei, Gigantes und so weiter hatte, und mutmaßte, den gestrigen Verwandtenbesuch in ein griechisches Restaurant zu locken.

Als es gestern aber um elf war, röchelte ich den Verwandten nur noch zu: „Ich muss an die frische Luft. Ihr kennt ja den Heimweg.“ Und sie faselten was von „Jetzt sind wir schon mal im Center, du hast ja zuhause nichts Köstliches, wir essen hierdrinne noch was, bis später !“ – Später kamen sie mit Kuchen wieder und meine Laune war im Keller. Im Hysterisieren bin ich ja groß, wird mir oft gesagt.

Na freilich, andere Menschen haben Löcher im Herzen oder Kinder mit heftigen Nierenschäden und ich jammere über fiebrige Kinder und geschwollene Mandeln, wie peinlich-pietätlos ist das denn ?

Andere Menschen haben aber auch Verwandte, die einem das Kleinkind mal abnehmen, wenn man sich beschissen fühlt – ich nicht, weil ich ja in diese beknackte Stadt ziehen musste. Aber ich schweife ab, in meiner grandiosen Reizbarkeit des grippalen Infektes.

Ich bin entschlossen, wieder bis übermorgen fit zu werden, weil da die nächste bezaubernde Dame zum Brainstorming eingeladen ist, die ich keinesfalls verpassen möchte, auch wenn sie nicht so herzzerreißend friedhübsch wie Frau Huhn ist. Gleichzeitig schaudert mich, wie jedesmal wenn ich krank bin und es nicht nur Husten, Schnupfen, Sinusitis ist, die Fragilität des menschlichen Funktionierens. Heute Racheninfekt, morgen etwas Bedrohlicheres eingeredet, übermorgen geht man nur noch von Ärzten zu Apotheken und lebt in der Parallelwelt der Defekten.

Ein Gutes aber hat mein sofortiges Beunruhigen: der Burn-Out ist unerreichbar. Einfach über körperliche Warnzeichen hinweg sehen würde mir nicht in den Sinn kommen 😉

Mei-ne Ner-ven !

„Mei-ne Ner-ven !“, denke ich und fluche vor mich hin. „Herrgott nochmal ! Nimm deinen Appelkriepsch und wirf-ihn-end-lich-weg !“, aber der Herrgott reagiert nicht. Na, warum auch.
Wer Maden schafft und verpuppte Würmer, dem sind doch Appelkriepsche gleich.
So fing der Tag mit Maden an. Vielleicht waren es auch verpuppte Würmer, bestimmt wären es in absehbarer Zeit harmlose braune Flatterviecher geworden, aber dazu kamen sie nicht.
Denn ich schrieb schon morgens in einen Brief: „Meine Nerven ! Ich kann den Liedtext nicht finden und beim Durchsuchen potentieller Alben stieß ich auf Würmer.“
Beim ersten Wurm hatte ich noch den Mumm, das Biest abzuwaschen, leider war der Liedtext nicht im ersten Album. Im zweiten Albumbooklet dann der Insekten-GAU.

Meine Nerven !
Spinnen haben wenigstens Beine, aber die …
Bah, bah, und nochmal bah !

Nachmittags dann mit einer schlecht verpackten Waffel mit Apfelmus und einem sinnlosen Appelkriepsch in der überfüllten Bahn gesessen. Zu dritt auf einem Platz, dann stand einer älterer Herr hinter mir auf und ich konnte mir den Platz neben dem sympathischen Stadtarbeiter Herrn Talmann teilen, mit einer blöden Waffel und einem Kleinkind, dass leider keine Lust zu sitzen hatte.

Am Vormittag einen 4-jährigen Jungen gesehen, der trotzte. Was ein inspirierendes Erlebnis für meine jüngere war. „Binnich bockich!“ –
Ha ! Aber meine Nerven sind stärker !
Mei-ne Ner-ven !

[fertig mit Jaulen, jetzt mal entspannen. Das Wort zum Montag: „Auf Nervkram muss Mental Floating kommen.“ Amen.]

erstes Dezember-Drittel (II)

Wir haben die Anschaffungen des Nikolaus fast aufgefressen. Obwohl, Moment.. *erinner*   da ist noch eine Kiste auf dem Schrank, da hatte ich noch einen Nikolausteil, der in hübschen Päckchen war, beiseite gelegt. Wie schön fürs Gewissen: man war doch nicht so verfressen, wie zunächst gedacht.

Aber dennoch, der Wohlstandszwiespalt ereilt in diesem Jahr auch mich:

einerseits will man irgendwie optisch fit und rank aussehen, andererseits ist Naschen so serotoninfördernd und mitunter auch gesellig und die Auswahl macht Spaß.. im letzten Jahr hatte ich eine klasse Motivation für mich:

ich stellte mir vor, wie die milchigen Bestandteile der Schoki und der Keksbutter von unsterilen Maschinen vakuumartig aus wabbeligen Eutern rausgepumpt wurden, während die Kälbchen, denen die Natur jene Milch zugedacht hat, irgendwo aus künstlichen Zitzen schlürfen und von diesem Gemisch aus unmütterlicher Milch und brasilianischem Gen-Soja schnell groß werden sollen, um Leistung oder Steak zu bringen… und prompt verging mir der Appetit und ich knabberte demütig an meiner fairgehandelten Zartbitterschoki oder einigen Nüssen rum. Manchmal sogar auf Trockenobst, obwohl ich das seit jeher wenig lecker und zu orientalisch fand. Datteln, bäh. Aladin, alberne Hütchen, blöde Äffchen, dazwischen getrocknete Feigen, bäh.

In diesem Jahr klappt das irgendwie nicht. Die Milchschoki kam ja kraft der Kinder sowieso ins Haus und irgendwann stumpfte ich dann doch wieder ab.

Das letzte Real-Gespräch mit meinem Vater ging etwa so:

V: „Hast du zugenommen?“

ich: „Nein, eigentlich nicht. Dafür trinke ich auch zuviel Kaffee, der Durchfall macht.“

dann war ich pikiert über soviel Oberflächlichkeit und verschloss mich für den Rest des Beisammensitzens.

Da bin ich vorbelastet durch die Jahre im Dorf, wo es stets gegenüber Mitmenschen hieß: „Du hast aber zugelegt, jetzt wo du ne Frau hast, harhar“ oder „Du bist ja dörr geworden, siehst ja aus wie aussem KZ !“ und es dazwischen nichts gab. Über die Jahre konnte ich bzgl. mancher Gesprächspartner regelrecht zusehen, wie sich das „Na, Jungchen, nimm mal nochn Teller, du brauchstes doch!“ in ein „Na, dir schmeckts ja auch, zwickts nich schon am Gürtel ? Bald biste so fett wie ich !“ verwandelte.

Die Fülligkeit von Leuten wurde als Direktindiz für ihren seelischen und sozialen Zustand behandelt. Als ob es keine andere Möglichkeit gäbe, jemanden nach Neuem aus seinem Leben oder seinem Gemütszustand zu befragen.

Ich meine, ja, da gibt es schon ein paar Zusammenhänge, aber das kann man sich doch denken und darauf aufbauend fragen: „Bist du zur Zeit viel am Arbeiten ?“ oder „Kommt ihr grad nicht viel raus?“ oder sowas.. Im Extremfall vielleicht auch: „Du wirkst erschöpft, wollen wir mal in Ruhe reden?“

– oder in meinem beschriebenen Fall auch konkreter fragen: „Dein Kleid ist so leger, hast du was am Bauch zu verbergen?“ – dann hätte ich gesagt: „Ja stimmt, das ist nicht tailliert, man sollte es mit Gürtel tragen, leider besitze ich keinen, der mir gefällt.“

Zurück zum Dezember: ein weiteres Vorhaben ist der Kauf eines Stoffgürtels. Nicht, um taillierter zu wirken, sondern um top organisiert und erreichbar und flott zu wirken, denn daran würde ich die niedliche Tasche hängen, in die genau ein Schlüsselbund und ein Mobiltelefon passen. Und ein Schoki-Riegel 😉

Sonntag, 8 Uhr, Stadtplatz

[jemand zwang mich, zur unmenschlichen Sonntagszeit von 7 Uhr endgültig das Bett zu verlassen, nach über einstündigem flehentlichem Herumwälzen in selbigem – gleich lässt die Wirkung des ersten Kaffees nach. Um nicht einzuschlafen, versuche ich mich in einer kleinen Hommage an den großen Herrn Neumann.]


Leona Taube hatte gut geschlafen und konnte bereits die Menschen vor der Bäckerei erblicken. Die meisten von ihnen sahen irgendwie müde aus. Warum nur ?
Die Sonne war doch schon vor über zwei Stunden aufgestanden. Waren nicht auch diese ganz jungen Menschen dem Ruf der Sonne gefolgt und aus ihren Decken gekrochen, wenngleich sie am Abend weit nach Sonnenuntergang erst mit dem Schlaf begonnen hatten ?
Jetzt standen diese Menschen auf dem kleinen Stadtplatz. Sie sahen alle verloren aus. „Sie werden sich ein jeder seines Status bewusst sein und darum so kümmerlich dreinblicken“, dachte Leona.
Das Menschentier durchläuft mehrere Stadien, das ist bei Tauben nicht anders. Sie werden ungefragt geboren, müssen Nahrung suchen, schlafen und irgendwann sterben, letzteres geschieht zumeist auch ungefragt. Was die Menschen außerdem noch treiben, hat Leona noch nicht vollends durchschaut – sie ist eine noch junge Taube und das Menschentreiben erscheint ihr oft rätselhaft.
Zwei ältere Männer sitzen am Tisch vor der Bäckerei. Ein dritter kommt und sagt etwas, woraufhin der erste miesmutig aufsteht. Der dritte klopft dem zweiten auf die Schulter und setzt sich dann. Der zweite murmelt etwas und steht auf. So sind nun alle drei separiert.

Leider haben sie kein Gebäck zurückgelassen. Leona hat aber Appetit.
Im Bäckerladen drängt sich eine beachtliche Anzahl Menschen um die Theke, hinter der drei Frauen in Dirndln umherlaufen. Die eine Frau scheint noch keine dreißig Jahre alt zu sein und trägt zum bescheidenen Dekolleté einen doppelten Lidstrich, der den Blick auf ihr fahles, müdes Gesicht lenkt. Die beiden anderen sind älter und deshalb munterer, auch bieten sie üppigere Brustauslagen.
Die Menschen vor der Theke haben sich etwas aus der Gebäckauslage ausgeschaut und brüllen ihre Bestellungen durcheinander. „Zwei Kartoffelbrötchen, drei Schusterjungs, ein Franzbrötchen, zwei Pfannkuchen, und dazu noch eine Mohnstange !“
Leona kann nur bedingt nachvollziehen, warum sich die Leute nicht die Aufbackmasse selbst erhitzen („Fertigbacken“), etwas anderes tut der junge Mann ohne Dirndl rechts hinten im Bäckerladen doch auch nicht.
Vielleicht brauchen die Menschen einfach Gründe und Ziele, um ihre Nester zu verlassen, ist doch ihr Bewegungstrieb nicht mehr so stark ausgeprägt, wie bei manch anderen Tieren.
Deshalb halten sie sich womöglich auch diese Wolfsderivate, die so geduldig vor dem Laden warten. Sie wissen, dass sie nicht mehr jagen brauchen, bringt ihnen doch ihr Mensch mehrere Fressportionen täglich. Fast beneidet Leona diese Hunde, da fällt ihr auf, wie umständlich deren Überleben ist.
Warum halten sich die Menschen nicht lieber Tiere als Gefährten, die sich von Gras und Gemüseabfällen ernähren ? Finden sie es wirklich besser, Grasfresser in riesigen Hallen mit Mais und brasilianischem Soja fett zu füttern, um später deren Kadaver ihren Hunden vorzusetzen ?
Ein Mann steigt vom Rad ab und sagt zu der ebenfalls vom Rad abgestiegenen Frau: „Guck mal, auf der Zeitung ! Schon wieder so eine Somaliaschlagzeile ! Wann unternehmen die endlich was gegen das Verhungern?“
Leona ist verwirrt. Wenn Menschen sich um die Nahrungsnot anderer Menschen sorgen, warum verfüttern sie Nahrung an Tiere, welche wiederum von Tieren gegessen werden, die keiner essen mag, weil sie Hunde heißen ?

Die Dekadenzen des Monats

Was ist heutzutage schon noch dekadent ?

– Sind es die bizarren Palmen-Rüssel-Getränke vom Nachbartisch ?

– Sind es Socken für Tischbeine ? („sehen witzig aus und schützen Stuhl- und Tischbeine vor Kratzern“)

 

– Ist es ein Birnensoufflé auf einem Amüsierschiff ?

– Oder aber ist es, wenn man zwei  Fernseher zugleich betrachtet ?