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Rausch und Depression

Seit Jahren grüble und analysiere ich herum, warum manche Menschen keinen Antrieb haben. Oder immer nur wenig und sich selbst täglich bequatschen müssen, doch nochmal was zu machen. Dazu hatte ich immer mal eine Idee, die mir jeweils blendend vorkam. Den jüngsten Erhellungsmoment hatte ich vor ein paar Wochen, als Daniel Kulla sein Buch „Leben im Rausch“ vorstellte. Da das Buch herumgereicht wurde, konnte ich auch als nicht-akustischer Aufnahmetyp etwas vom Inhalt erfassen, oder mir wenigstens eine Interpretation machen.
Nach dem Vortrag des Autors lag mir die Frage auf der Zunge, ob es nicht so gesehen werden könnte, dass eine Depression einfach ein Mangel an Berauschung ist. Aber irgendwie kam es dann nicht wirklich zu einer Fragerunde.
Deshalb hier erstmal eine Grafik:

Grafik zu verschiedenen Depressionsformen

Gute Grafik von einer anderen Internetseite. habe mir leider die Adresse nicht notiert. Sorry.

Meine Idee ist jetzt, dass vom Niveau unter der Linie schwierig ein Rausch, also ein Fließendes Geschehen, erreicht werden kann. In der Manie, also weit oberhalb der Linie, liegt der Rausch dagegen beständig nahe, sodass kaum noch realistisch gedacht werden kann. Da die meisten „normalen Durchschnittsbürger“ die meiste Zeit so um die Mittellinie rumkrebsen, suchen sie regelmäßig nach Alkohol, Käufen oder Reisen, um mal in einen Flow zu geraten, in ein Handeln ohne Zögern. (ich würde gerade gern in einen Schreibflow geraten und kippe Kaffee und tippe das hier, um danach im Flow die langweiligen Themen, für deren Schreiben ich Geld kriege, wie von allein zu tippen. Alles Kalkül.)
Das Buch ist nun ziemlich politisch und erklärt den Erfolg des Kapitalismus mit dem Wunsch der Bevölkerung nach Rausch, der ohne totalitäres Regime nicht mehr in Massenveranstaltungen und kollektivem Arbeitsrausch erfüllt werden kann. Das muss man nicht unbedingt so sehen und kann unpolitisierte Leserinnen auch abschrecken. Aber der „Rausch im Alltag“ erklärt auch die Existenz von Superevents, die immer üppiger werden, weil die Leute abgestumpft sind, sich aber neue, kollektive Räusche wünschen.

Vielleicht ist sogar das Steuern der Räusche der Schlüssel zum Menschen-Führen. Letztendlich lässt sich fast alles mit Rausch erklären, zum Beispiel Blutrausch oder das ständige Neue-Leute-Beeindrucken von Histrionikern.. Ein gezielt angesetzter Rausch macht Mut für den nächsten Tag. Das gilt für chronisch Depressive genauso wie für Soldaten vor dem Einsatz.

Macht misanthropisch, der Gedanke, lässt die Leute irgendwie billig wirken. Aber lässt sich auch nicht ändern. Und ist bestimmt gar kein neuer Gedanke 😉

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Alles und zwar gleich: Ehehygiene

Das Cover ist ja schon ein wenig putzig und auch peinlich in der Öffentlichkeit: mit einem rosa Vibrator in der Hand grinst eine Dame aus den 1960er Jahren dem Betrachter entgegen. Aber es unterstreicht auch das gewiefte Marketing des Ullstein-Verlages. Im pink-modernen Design, post-Feuchtgebiete sozusagen, verkauft sich Anja Stiffels zeitgenössisch-humoriger Roman „Ehehygiene“ sicher besser als mit einem unauffälligeren Cover.

Erst die Unterhaltung, dann das Nachdenken

Mit voller Absicht hatte ich mich im November auf „Blogg dein Buch“ für seichte Lektüre entschieden. Hochintellektuelle Literatur habe ich zu Hause schon genug rumliegen und sie passt nicht zu meinem Adventsstress. Das Lesen über die Leiden einer Protagonistin, der das schöne Leben nicht heiß genug ist, schon. So saß ich denn mit dem Roman im Bus und kicherte vor mich hin. Um die 200 Seiten im lockeren Bridget-Jones-Stil warteten auf mich. Der Ausgangskonflikt beinhaltet die Ehefrau Mitte 30, die feststellen muss, das zwar ihre Mutter Sex hat, sie selbst aber vor Mutterpflichten, Sohn und kreativem Beruf nicht mehr dazu kommt. Oder durch allerlei konsumistische und soziale Ersatzbefriedigungen vielleicht auch gar keinen Bedarf mehr hat. „Warum will sie eigentlich unbedingt ficken wie eine Frischverliebte, wenn sie doch die Gemütlichkeit schätzt?“, fragte ich mich beim Durchlesen mehrfach. Ansätze zu Antworten werden mehrfach geboten, aber keiner überzeugt mich so richtig. Mitleid und Staunen über die esoterischen und luxuriösen Möglichkeiten, die den besseren Einkommensschichten geboten werden, ziehen beim Lesen mit Gebimmel und Gebammel durchs Hirn.

Vom Liebhaben und Lebenlassen

Aber nein, ich wollte mich doch amüsieren, also muss ich die gar nicht sooo oberflächlichen und wahrscheinlich auch nicht sooo fiktiven Ausführungen schätzen und nicht immer rumgrübeln. Die Heldin schätzt sich als sensibel und schwierig ein und bietet damit vermutlich vielen Frauen Identifikationspotential. Zudem erinnert sie sich, eigentlich schon immer eher prüde gewesen zu sein und sieht folglich auch erst nach vier Monaten ohne ehelichen Geschlechtsverkehr Handlungsbedarf. Es kommen diverse Methoden ins Spiel, die in den titelgebenden Ratgeberschriften sicher nicht angeführt wurden. Da wird ins Vier-Sterne-Hotel gefahren, eine Paartherapie angefangen, ein Kamasutra-Quartett gekauft oder eine Tantralehrerin besucht. Alles sehr lustig beschriebene Episoden, keine Frage. Das Ziel „weniger denken, mehr spüren“ wird jedoch selten erreicht und das Heldenpaar muss erst einen Seitensprung pro Person erleben, damit sich der Dauerkonflikt ums unerfüllte Sexualleben auflöst. Wir lernen beim Lesen, dass Zwang nicht funktioniert, sondern die lange Leine, Humor, Spontanität und manchmal auch Alkohol oder Esoterik zum Einklang von Hirn und Yoni führen. Schon allein deshalb würde ich das Buch weiterempfehlen, denn nicht jede möchte mit trockenen Fakten gegen den gesellschaftlichen Druck zur Selbstoptimierung überzeugt werden. Der Ton macht die Musik, das ist wie mit dem Wort Yoni, das viel schöner klingt als alle bisherigen Bezeichnungen wie Mumu oder Lustgrotte.

Sieben Minuten Herzscheisse

Wir sitzen auf einer Bank und warten auf die Tram. Sieben Minuten. Hinter uns ein Jugendlicher und eine Jugendliche. Und dann geht das Geheule los. „Warum bist du so-ho ? Buuuuhuuuu…“ Der Typ darauf immer wieder: „Ich hab kein Bock auf dich. Verpiss dich. Du kannst ge-hen. Tschü-hüss.“ Die Tussi darauf immer wieder: „Aber ich hab doch bei Facebook gelöscht. Wäääähäää…“ und ihre Stimme ist ganz, ganz unemanzipiert.
Ich bin hin und her gerissen zwischen Misanthropie und Philanthropie, Diskretion und Faszination. Ein Teil von mir möchte hingehen und sagen: „Alte, wie würdelos bist du denn. Check doch, dass der Macker nichts von dir will und krieg dich wieder ein.“ Der andere Teil ist angeekelt und will weggehen. Der nächste Teil denkt: „Geil, das is ja wie in dem Lied. Aber Original. Und vielleicht haut der ihr gleich eine rein, dann kannste Zeugenaussage machen.“
Ich hätte es dem Typen nicht verübelt, wenn er sie irgendwie weggestoßen hätte, sein Geduldsfaden wurde sehr beansprucht. Meiner wär auch fast gerissen.
Tochter: „Was ist denn da hinter uns los?“ Ich: „Ein kleiner Streit.“ Tochter: „Warum denn?“ ich: „Ja, sie ist in den verliebt, aber der will das gar nicht.“ Die Tochter kräuselt die Stirn. „Warum hat der dann zweimal gespuckt?“ Ich, rückfallend in meine Muster als erprobtes Mobbingopfer: „Frag das lieber nicht so laut, sonst beschimpft der uns auch noch.“
Typ: „Ey checkst du es nicht ? Ich hab kein Bock auf dich, Alte!“ Tussi: „Aber, aber, wuuuuuhuuuuwäääähäää…“
Sieben Minuten können verdammt lang sein.
Dann kommt die Bahn, ich erwarte irgendwie, dass sie sich jetzt an ihn hängt, er sie wegwirbelt und ein Unfall passiert, aber er steigt ein, wir auch und die Tussi nimmt eine stabile Verzweiflungsposition ein, um noch ein bisschen lauter zu heulen. Aus der Tram heraus beobachte ich, wie eine 40+Mausi der Marke Bürgerservice versucht, mit der Tussi zu reden. Aber es scheint nichts zu helfen. Buuuuhuuuu !

Geschützt: Herzen brechen

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Freiberger und Pantherin über Fried

„Schön, dass du da bist, Edelwürzig-Frisches !“
„Es ist mir eine Ehre, von Ihnen gepichelt zu werden, Frau Panther!“
„Eigentlich wollte ich heute mal keinen Alkohol trinken. Wollte dem Mann Paul-Boldt-Sonette vortragen auf der Couch.“
„Wir wissen doch beide, dass du kein musikalisches Gespür für Metrik hast und sich deine Vorlesekünste höchstens fürs Verlesen von Zeitungsnachrichten eignen.“
„Durchschaut, Freibergisch-Export-Bier ! Das war nur eine Farce. Ich bin eigentlich ganz froh, dass er woanders Biertrinken gegangen ist. Er rief noch: ‚Bier ist im Schrank‘ beim Weggehen.“
„Und jetzt sitzen wir hier und wollen uns an Zeiten erinnern, da du viel von Erich Fried hieltest. Mal schauen, wer zuerst leer ist !“
„Ich glaube, du wirst gewinnen, aber gut, los:“

In der 12. oder 13. Klasse musste jeder ein Gedicht auswendig lernen und vortragen. Ah, nicht nur eins, sondern einmal ein selbst gewähltes und einmal eines aus einer Auswahl von drei Klassischen. Ich entschied mich für Prometheus und faselte also was von Blitzen und wolkengleich und köpfe nicht dem Knaben gleich die Distel und ähnlichem vor dem Grundkurs, der ein Gemisch aus Dorfidioten (von Gedichten völlig entnervt) und orientierungslosen Mädchen (an Gedichten nur soweit romantisch interessiert) war.
Der Lehrer zog seine letzten Jahre vor der Pensionierung durch und wollte nochmal was erleben, hatte ich den Eindruck. Er hatte einen ordentlichen Pansen, grinste oft süffisant und versuchte mitunter im Scherz, meine Freundin auf seine Terrasse einzuladen. Sein Pech nur, dass sie keinen Rotwein mochte und ich sehr skeptisch war – so bekam er nie kecke oder freundliche Antworten zu hören.
Damals fand ich den Mann wohl eher doof, aber im Nachhinein ist mir, als ob da ein Literaturfreund aus Not Lehrer wurde und stets versuchte, aus den paar sprachinteressierten Schülern noch was rauszukitzeln. Ich führte so einige Streitgespräche mit ihm, hauptsächlich, weil es mir an Lebenserfahrung mangelte und ich seine Interpretationen diverser Literaturwerke daher anzweifelte.
Apropos Zweifel: auf der Rückseite meines zweitgekauften Erich Fried-Taschenbuches steht ein Vers über „Angst und Zweifel“, dessen Inhalt mir schlicht plausibel erschien.
Auswendig gelernt habe ich dann aber folgendes Gedicht, zum Einen, weil es die erforderliche Zeilenmenge aufwies, zum anderen wohl, weil ich nichts mit naheliegenden Gefühlen nehmen wollte, weil nämlich auch eine Inhaltsinterpretation geboten werden musste.

Aufforderung zum Vergessen

Sei nicht dumm
sagt der Wind
Die Welt dreht sich weiter
Alles ändert sich
Das Gewesene muss man vergessen

Wenn du dein Feld vergessen könntest
sagen vergiftete Halme
und wenn du dein weißes Haus vergessen könntest
sagt der Schutt
und wenn du den großen Krug vergessen könntest
sagen die Scherben
und wenn du den Ölbaum vergessen könntest
sagt der Baumstumpf
und die Orangenbäume
sagt der verbrannte Hain

und wenn du deine zwei Schwestern vergessen könntest
sagt der Weg zu den Gräbern
und wenn du vergessen könntest die Schreie zu hören
sagen die Ohren
dann könntest du aufhören dich in Gefahr zu begeben
dann könntest du weit wegfahren
wie die Dattel im Bauch eines Schiffes
die gepflückt wurde und die frei ist von ihrem Baum
dann könntest du frei sein wie ein Sandkorn im Wind
endlich frei von der Heimat
die du verloren hast

Die Welt dreht sich weiter
Das Gewesene muss man vergessen
Sei nicht dumm
sagt der Wind
der herweht von den Vertreibern“

— Feinde des Friedschen Werkes lehnen ihn wohl wegen seiner Form- und Hymnenlosigkeit ab. Vielleicht auch, weil sich das meiste irgendwie wie für junge Frauen geschrieben liest.
Nun war ich aber eine junge Frau, damals, wenn auch eher ungern, aber jedenfalls mochte ich das Friedsche Lyrikwerk. Mittlerweile glühe ich dafür nicht mehr ganz so, es scheint mir oft „zu einfach“ und daher gesagt, aber vielleicht ist es doch nicht so einfach, das Klare daherzusagen ?
Der Fried traf damals auch meinen politischen Nerv. Dennoch wusste ich mit Zionismus nicht so viel anzufangen, daher war die Wahl des Vortragsgedichtes de facto Hybris. Den Lehrer schien mein Halbwissen aber positiv zu stimmen und als, einige Leute nach mir, ein Typ namens Turski dran war, der ein mächtiger Lebemann war, so mit Schulschwänzen und großer Klappe und großer Karre, sagte der: „Liebe A., ich bin jetzt dran und mein Gedicht ist auch von Erich Fried!“ mit Triumph in der Stimme, als wolle er mir zeigen, dass er nicht so stumpf sei, wie ich dachte. Er trug irgendwas pseudonachdenklich-gefühliges vor, ich weiß nicht mehr so recht.
Im Nachhinein finde ich nicht nur den Lehrer besser, sondern auch den Turski: der wusste schon, dass man das echte Leben über das Grübeln und Lesen nicht vernachlässigen sollte.
Ich aber las damals ganze Nachmittage und Abende und versuchte mitunter, meine Bekanntschaften auch davon zu überzeugen. So richtig hat es aber nie gefunkt, zwischen meinen Freund_innen und der Literatur.
Immerhin: einmal (im Jahr 2000, weit vor der Deutschkurs-Sache) lieh ich meiner mysteriös-umwehten Geliebten den Band „Erich Fried – Liebesgedichte“ aus und machte ihr je ein Kreuz an folgende Gedichte:
Was ist Leben ?
Ohne dich
Durcheinander
Sie sagte nichts Ergiebiges dazu, ließ aber einige Tattoos mit asiatischen Schriftzeichen, die ein Gimmick der ‚Bravo Girl‘ waren, im Buch. Da liegen sie bis heute und schon deshalb kann ich den Erich Fried nicht schlecht finden.

„Bist du jetzt leer?“
„Irgendwie fertig, jedenfalls. Aber mit dir noch nicht, liebes Freibergisch-Export !“

Blockierte Flamme

Unter Raubtieren

Sie soll ihn so verachten, wie er sich verachtet.
Aber das will sie nicht, das wäre zu einfach.
Sie möchte nicht auslöschen um zu benutzen.
Mutterboden will sie sein,
nach dem Leichenverbrennen fruchtbarer.

Jedoch:

umgeben von leeren menschen
angestarrt von leeren pflichten
kann die flamme nicht reinigen

Deshalb sollte sie auch keine Bücher lesen, die das Schreiben erklären, sagt er, weil sie noch Phantasie hat, obwohl sie die Erkenntnis mit ihm teilt, dass wir alle Leere sind.

Jedoch:

Er heult nur Verharren,
sie verlangt sich Neumut ab.

„Aus deinem Mund, aus deinen Fingern
kommt nichts mehr als Schelte.
Ist dies, Mann, die Leere, welche dir akuter ist?“

märzglück

Wegen einer Frühlingshymne

schaut die Frau von ferner Stimme

gebannt hoch in die Wolken – Regen

fällt und kommt ihr sehr gelegen

In dem Überraschtsein leicht

das Glück ihr mal zu Kopf steigt.