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Angst vor der Parallelwelt der Kranken

Seit 48h ein Brennen im Rachen, als ob man zuviele griechische Speisen verdrückt hätte. Das ist besonders ärgerlich, weil ich vor circa einer Woche noch großen Appetit auf Knoblauchkartoffelbrei, Gigantes und so weiter hatte, und mutmaßte, den gestrigen Verwandtenbesuch in ein griechisches Restaurant zu locken.

Als es gestern aber um elf war, röchelte ich den Verwandten nur noch zu: „Ich muss an die frische Luft. Ihr kennt ja den Heimweg.“ Und sie faselten was von „Jetzt sind wir schon mal im Center, du hast ja zuhause nichts Köstliches, wir essen hierdrinne noch was, bis später !“ – Später kamen sie mit Kuchen wieder und meine Laune war im Keller. Im Hysterisieren bin ich ja groß, wird mir oft gesagt.

Na freilich, andere Menschen haben Löcher im Herzen oder Kinder mit heftigen Nierenschäden und ich jammere über fiebrige Kinder und geschwollene Mandeln, wie peinlich-pietätlos ist das denn ?

Andere Menschen haben aber auch Verwandte, die einem das Kleinkind mal abnehmen, wenn man sich beschissen fühlt – ich nicht, weil ich ja in diese beknackte Stadt ziehen musste. Aber ich schweife ab, in meiner grandiosen Reizbarkeit des grippalen Infektes.

Ich bin entschlossen, wieder bis übermorgen fit zu werden, weil da die nächste bezaubernde Dame zum Brainstorming eingeladen ist, die ich keinesfalls verpassen möchte, auch wenn sie nicht so herzzerreißend friedhübsch wie Frau Huhn ist. Gleichzeitig schaudert mich, wie jedesmal wenn ich krank bin und es nicht nur Husten, Schnupfen, Sinusitis ist, die Fragilität des menschlichen Funktionierens. Heute Racheninfekt, morgen etwas Bedrohlicheres eingeredet, übermorgen geht man nur noch von Ärzten zu Apotheken und lebt in der Parallelwelt der Defekten.

Ein Gutes aber hat mein sofortiges Beunruhigen: der Burn-Out ist unerreichbar. Einfach über körperliche Warnzeichen hinweg sehen würde mir nicht in den Sinn kommen 😉

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Vom Ehrgeizgebot

Gewinnen ist Pflicht
darum begreifst du nicht
wie Warten mir genügen kann.

Ehrgeiz ist Pflicht
darum glaubst du nicht
an das Glück im Phlegma.

Kaffee ist Pflicht
darum liebst du nicht
Genmaicha oder Samba Pa.

Voller Einsatz: Pflicht 
halbe Sach'n macht man nicht
Selbst Schuld der, der zerbricht daran.

Hadern

Der Haderlass mit sich selbst

lässt die Welt hadern.

Protokoll eines Vertragsabschlusses

Die Vertragsunterzeichnung geschah am Tag X, um 8.30 Uhr.

der Nachmittag vor Tag X mein erster terminfreier Nachmittag seit Längerem. Bereits leicht gelähmt in Gedenken der Vertragsbegegnung. Frustriert, weil die Frau, der ich kündigen will (Aufhebungsvertrag), mir nun noch einen halben Tag versaut, weil eben die Nervösität jede Konzentration oder auch Entspannung unmöglich macht.
früher Abend am Tag vor X entschlossen, wenn schon, denn schon, was richtig sinnloses zu machen. Am DVD-Bibliotheksregal bis A wie „Amores perros“ gekommen.
mittlerer Abend vor X der Vertragspartnerin eine SMS geschrieben, in der mich für 8.30 ankündige. Eine unbefriedigende Antwort erhalten. Ich solle bitte eher da sein, sie wolle noch allein mit mir plaudern, bevor die dritte Frau um 8.30 kommt
späterer Abend vor Tag X Nervosität kennt kein Halten mehr, Durchfall auch nicht. Bloß gut, dass der Film besorgt wurde.
Das Bildschirmblut und die gezeigten mexikanischen Verstrickungen lenken mich nach einer Stunde vom meinem lapidaren Wohlstandsproblemchen ab.
Nacht vor X bereits 200mal alle möglichen Rechtfertigungen und Gesprächsvarianten durchgegangen. Hundertmal hin und her gewälzt. Sehr unsicher darüber, wie ich das Manöver weder zu elegant („Die kann auch mal hören, wie ich unter ihr gelitten habe“) noch zu impulsiv („ich darf nicht zu kindisch und unsouverän rüberkommen“) über die Runden kriegen könnte.
Tag X, 5.30 bis 7 Uhr aus erschöpftem Tiefschlaf erwacht, weiter kacken gegangen. Fühle mich zerschlagen, sage mir aber, dass ich dann wenigstens Hunger genug haben könnte, wenn mir die Frau wieder an ihrem Frühstückstisch ekelhafte Eierbiscuits reinzwingen möchte.
7.40 Uhr bis 8.10 mit Brechreiz in der Tram. Nichts zu mir genommen in der Hoffnung, ohne Koffein intus ein friedlicherer Mensch zu sein.
Im Wald hinter der Endhaltestelle nochmal gekackt.
8.10 bis 8.30 Mich gefragt, welchen Sinn es nun gehabt haben soll, dass ich eher da sein sollte. Der dämlichen Schnepfe Frau mein schlechtes Befinden grob erklärt. Sie: „Aber das musst du doch nicht.“ Ich: „ja, theoretisch nicht…“
Mir dann, bausteinspielend, irgendwelches Geplänkel über Kinder angehört.
8.30 – 10.20 einen schwarzen Kaffee und zwei Apfelschnitze angeboten bekommen, gierig runtergestürzt. Bemerkt, dass die Frau parallel eine Art Supervision erleidet, bei der ich mit der Supervisorin im Bunde bin, denn ich kenne die Ranghöhere schon einige Jahre und misstraue ihr nicht. (haha !)
Meine Vertragsanliegen daher nur am Rande behandelt, aber leider als Versuchsperson / Anschauungsobjekt gegolten. (Hoffentlich heimlich) auf die Notizen der Supervisorin geguckt: sie schreibt zwei A4-Seiten voller Kritik und Anregung für / über meine ehemalige Vertragspartnerin. Irgendwo unter meiner immensen Anspannung liegt eine Gehässigkeit. Daneben das Gefühl, nicht alles falsch gemacht zu haben, weil offensichtlich die neutrale Dritte auch Beanstandungen hat, nicht nur ich zu empfindlich war.
Rest von Tag X auf der Suche nach Gefühlen wie Freude, Euphorie oder großer Erleichterung. Bis circa 22 Uhr nur Erschöpfung, Fresslust und sinnleere Shoppingwut vorgefunden. Es nieselt, ein Elch auf dem Weihnachtsmarkt ist mir sympathisch, aber leider aus Elektronik und Kunstfell. Kann mich nicht entscheiden, ob ich mit Rosésekt, Lumumba oder Nusspunsch anstoßen möchte, wähle deshalb ein Knobibrot, welches aber nicht kaufbar ist, da an allen drei Knobi-Ständen grad kein Mensch drin ist. Dann eben nicht.

Die Kindergeburtstagssaison beginnt

Meine Tochter hat zwei beste Freundinnen und eine kleine Schwester.

Alle vier haben im Dezember Geburtstag.

Dezember – das ist doch dieser Monat, in dem Nikolaus, Adventskalender, Jul, Sylvester und tagelang in Potsdam weilende Ex-Kommilitonen am Start sind..

Wo adventssonntägliche Theater und lebkuchenschwangere Feiern stattfinden, wo diese leuchtend-kommerziell-engen, aber manchmal trotzdem schönen Märkte aller Orten sind..

Wo ich mich bemüßigt fühle, die Wohnung zu dekorieren, Plätzchen zu backen, festliche Gerichte auszuprobieren und….

eigentlich gar keine Zeit, Nerven, Hirnkapazitäten für Kindergeburtstage übrig habe !


Aber es nützt ja nix, wer alles erleben will, muss auch alles irgendwie verkraften können !
Darum : Listen machen, dann von Tag zu Tag und Liste zu Liste leben.

  • Grund geschaffen, freudig aufs neue Jahr anzustoßen – erledigt
  • raffiniert Geburtstag der Jüngeren mit Markt und Adventskalender zusammengelegt – erledigt
  • Saal für Feier der Älteren angemietet – erledigt
  • beschlossen, ein Blech Muffins und eins mit Plätzchen zu backen für den älteren Geburtstag
  • Ex-Kommilitonen eingeladen für Sylvester – erledigt
  • Zugtickets für Striezelmarktreise gebucht – aahhh, das Bloggen lohnt schon, erst jetzt bemerke ich, dass vielleicht Zimmerbuchen auch langsam höchste Eisenbahn wird

Es gibt ja Leute, die jede Woche drei Veranstaltungen ..äh… veranstalten und/oder zu drei kulturellen Highlights gehen. Solche werden mein „Problem“ wohl nur müde belächeln, „Anfängernervosität“ sagen.
Ich aber erinnere mich mit Schaudern an manche Tage des letzten Dezembers, so z.B. den zwischen Weihnachten und Sylvester stattfindenden Geburtstag der einen Freundin. Dort ertrug ich etwa eine Stunde Kindertechno, Mega-Geschrei und Gerenne, ein ständig an mir klebendes und zerrendes Kleinkind, diverse unbekannte Kindseltern und Barbietorten — dann sah ich blinkende Lichtchen, bemerkte diverse Stechen im Brustbereich und floh, Kleinkind unterm Arm, ins andere Stockwerk.
Dieses Jahr will jene Freundin im Indoorspielplatz feiern, wo also noch circa 50 fremde Kinder Schreien, Springen und Heulen.

Aber davor kann ich mich vielleicht drücken, denn ich *hust* habe ja dann Besuch in der Wohnung.
Nicht drücken kann ich mich freilich vor dem Geburtstag der eigenen Tochter. Darum noch:

  • Einladungen gestalten und ausgeben
  • entscheiden, ob Bierbänke oder Klappstühle
  • über Getränke nachdenken
  • Spiele überlegen und Materialien beschaffen
  • sich fragen, ob schlichtes weißes Geschirr legitim ist
  • mich fragen, ob ich lieber Konversation mit fremden, teils mexikanischen Elternteilen führen will oder halbfremde Kinder zu Spielen anstacheln will, dabei irgendwie über den Punkt „ich will das alles nicht, ich stell den Kram auf und verschwinde, aaaahhh“ hinauskommen

Um nicht missverstanden zu werden: ich will das alles (na, fast alles) und sehe es nicht als genuine Belästigung an – und die drumherum-Hektik führt auch hoffentlich dazu, dass mir die eigentlichen Weihnachtsfeiertage als grandiose Verschnaufpause erscheinen.

Gespräche unter Patrioten ?

Es war ein guter Tag gewesen. Die Frau Panther war ausgeschlafen und ohne Kopfschmerz gewesen, darum geriet sie bereits am Frühstückstisch in Plauderstimmung. Sie verlas einen Zeitungsartikel, in dem eine Asta-Dame zitiert wurde, die eine Besetzung von Villenräumen durch wohnungslose Studierende fordert. Das sei doch ziemlich undiplomatisch und geeignet, den Willen städtischer und wohnungselitärer Menschen, mit Studierenden zu verhandeln, herabzusetzen, fügte die Pantherin hinzu.

Darauf entspann sich eine kleine Debatte, die mit den Worten endete: „Potsdam ist eine Garnison, mehr nicht. Sie war es stets gewesen und wird es immer bleiben.“

„Was spricht eigentlich gegen einen ’neopreußischen Erlebnispark für die Oberschicht‘ ?“, hatte sich die Pantherin beim Weggehen gefragt, „warum sollen nicht die unter sich bleiben, die es sich leisten können, und die anderen ziehen weg ? Gibt doch auch noch andere schöne Städte und Dörfer.“ – es war die vermeidende Persönlichkeitsnote, die aus ihren Gedanken sprach.


Auf dem Tisch lag ein Brief von Jeanette Platzeck, wenn ich recht verstehe der Frau des hiesigen Ministerpräsidenten, der ungefähr so ging: „Sehr geehrte Frau Panther, es ist in Potsdam Tradition, in vorweihnachtlicher Peacigkeit einen Stehempfang für Wehrdienstleistende, Reservisten und Bundesfreiwilligendienstleistende zu veranstalten, bei dem schnell rege Gespräche in Gang kommen sollten.“

Auch das Wort Glühwein kam in der Einladung vor. Das Ganze soll 17 Uhr stattfinden, zu einer Zeit also, da ich lieber ins  Kino ginge, hätte ich eine Kinderbetreuung für eine solche Zeit. Was ja aber mein Problem ist, was andere Dienstleistende nicht unbedingt haben.

Tradition, Garnison, was reimt sich noch ?

– ich sehe es glühend vor mir:

Obergefreiter A: „Na, tuste ooch deine Pflicht ?“

Hauptgefreiter B: „Die is doch ne Frau, die leistet bestimmt nich.“

icke: „Ach wat, in der heutijen Zeit muss jeder seinen Anteil zur Friedenswahrung leisten.“

Reservist C: „Weise Worte. Nehmt noch nen Glühwein !“

Obergefreiter A: „Sach ma, die Kleene da, is det deene ?“

icke: „Joar, ick leeste sogar doppelten Beitrach zum Nationalwohl.“

Hauptgefreiter B: „Und sieh ma, hat janz blaue Augn, die Kleene.“

Reservist C: „Och, schee !“

icke: „Sa ma, kommste oos Sachsen ?!“

Reservist C: „Na, früher ma, aber als alter Preußenfan isset hier eenfach scheener. Nu gucke ma, ich wohne gleech da drieben, inne alte Kaserne !“

usw. usf.

Hoch die Tassen, lang lebe Friedrich, 300 wird er ja schon nächstes Jahr !

—- aber im Ernst: was sollen solche Gespräche bringen ? Hat jemand eine Idee oder so was schon mal mitgemacht, als Zivi oder Wehrdienstleistender vielleicht ?

ganzheitliches Greifen

Das ist mein Schatten.
Das bin ich.
Und das ist die Welt grandiosen Frohsinns.
Zusammen kommen wir eigentlich nie. Das Begreifen ist zeitversetzt des Ergreifens.