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Sieben Minuten Herzscheisse

Wir sitzen auf einer Bank und warten auf die Tram. Sieben Minuten. Hinter uns ein Jugendlicher und eine Jugendliche. Und dann geht das Geheule los. „Warum bist du so-ho ? Buuuuhuuuu…“ Der Typ darauf immer wieder: „Ich hab kein Bock auf dich. Verpiss dich. Du kannst ge-hen. Tschü-hüss.“ Die Tussi darauf immer wieder: „Aber ich hab doch bei Facebook gelöscht. Wäääähäää…“ und ihre Stimme ist ganz, ganz unemanzipiert.
Ich bin hin und her gerissen zwischen Misanthropie und Philanthropie, Diskretion und Faszination. Ein Teil von mir möchte hingehen und sagen: „Alte, wie würdelos bist du denn. Check doch, dass der Macker nichts von dir will und krieg dich wieder ein.“ Der andere Teil ist angeekelt und will weggehen. Der nächste Teil denkt: „Geil, das is ja wie in dem Lied. Aber Original. Und vielleicht haut der ihr gleich eine rein, dann kannste Zeugenaussage machen.“
Ich hätte es dem Typen nicht verübelt, wenn er sie irgendwie weggestoßen hätte, sein Geduldsfaden wurde sehr beansprucht. Meiner wär auch fast gerissen.
Tochter: „Was ist denn da hinter uns los?“ Ich: „Ein kleiner Streit.“ Tochter: „Warum denn?“ ich: „Ja, sie ist in den verliebt, aber der will das gar nicht.“ Die Tochter kräuselt die Stirn. „Warum hat der dann zweimal gespuckt?“ Ich, rückfallend in meine Muster als erprobtes Mobbingopfer: „Frag das lieber nicht so laut, sonst beschimpft der uns auch noch.“
Typ: „Ey checkst du es nicht ? Ich hab kein Bock auf dich, Alte!“ Tussi: „Aber, aber, wuuuuuhuuuuwäääähäää…“
Sieben Minuten können verdammt lang sein.
Dann kommt die Bahn, ich erwarte irgendwie, dass sie sich jetzt an ihn hängt, er sie wegwirbelt und ein Unfall passiert, aber er steigt ein, wir auch und die Tussi nimmt eine stabile Verzweiflungsposition ein, um noch ein bisschen lauter zu heulen. Aus der Tram heraus beobachte ich, wie eine 40+Mausi der Marke Bürgerservice versucht, mit der Tussi zu reden. Aber es scheint nichts zu helfen. Buuuuhuuuu !

Es nützt ja nix : Konfrontationstherapie, Teil x

(es ist noch nicht so weit : ich bin noch nicht wieder ganz klar im Kopf. Wobei, wer ist das schon. Jedenfalls ist das noch so ein Intermezzo-Verarbeitungs-Tagebuch-Artikel, sorry.)

Mittlerweile kann ich schon viel besser „mit unbekannten Menschen“ als vor wenigen Jahren noch. Der zu beschreibende Tag fing auch ganz positiv an, diesbezüglich. (Spoiler: aber er steigerte sich ins Unerträgliche. Auf Seite 2 )

Viertel zehn: ich sehe einen circa 19-jährigen wirr vor dem Campus rumlaufen, den Plan studieren, verloren aussehend. Ich kenne mich in der Gegend aus, wie man so sagt, außerdem ist mir aufgefallen, dass Leute mich gern nach dem Weg fragen, ich strahle wohl geballte Harmlosigkeit und Hilfsbereitschaft aus. Ich stufe den Typen kraft seines Blutengelshirtes als „ebenfalls harmlos“ ein und verlangsame meine Schritte.

Nach einigen genuschelten Wegerklärsätzen raffe ich mich innerlich auf und fange an, laut zu sprechen und lächeln, was ein souveränes Gefühl ! Der Typ lächelt zurück und scheint aufgemuntert, toll.

Zehn vor Zehn : Wie als Vorwarnung passiere ich diesen FDP-Typen, mit dem ich vor Jahren in einer Gruppe war, bei einer Art Assessmentcenter – dort musste man sich zu zehnt in einen Kreis stellen und plötzlich mit Bällen bewerfen, sollte den Gruppensinn schärfen und die Aufmerksamkeitsfähigkeit erhöhen. Die ganze Veranstaltung damals war ausgelegt, normal sensible Leute zu motivieren, mir wurden die vielen Anreize allerdings nach zwei Tagen zu viel. Ich gab am dritten Tag Migräne vor und war damit raus.

Vom Eingebildeten und Ausgebildeten

Anmerkung :Ausgebildet hat hier nicht mit Berufsbildung zu tun, sondern (her)ausgebildet hat sich dieses:

Grips ohne Schlips : Nippel in Gips


„Three Imaginary Boys“

Walk across the garden
In the footsteps of my shadow
See the lights out
No one’s home
In amongst the statues
Stare at nothing in
The garden moves
Can you help me?

Close my eyes
And hold so tightly
Scared of what the morning brings
Waiting for tomorrow
Never comes
Deep inside
The empty feeling
All the night time leaves me
Three imaginary boys

Slipping through the door
Hear my heart beats in the hallway
Echoes
Round and round
Inside my head
Drifting up the stairs
I see the steps behind me
Disappearing
Can you help me?

Close my eyes
And hold so tightly
Scared of what the morning brings
Waiting for tomorrow
Never comes
Deep inside
The empty feeling
All the night time leaves me
Three imaginary boys sing in my
Sleep sweet child
The moon will change your mind

See the cracked reflection
Standing still
Before the bedroom mirror
Over my shoulder
But no one’s there
Whispers in the silence
Pressing close behind me
Pressing close behind
Can you help me?
Can you help me?
Can you help me?

Kasper und andere Plattenbaugestalten

Puh, hinter mir liegt wieder so ein Tag, wie man ihn sich als kinderloser Single gar nicht ausmalen kann.

Zum Glück beobachte ich sehr gern andere Menschen und Tiere. Deswegen lese ich auch gern entsprechende Blogs 😉

Im hiesigen Wohngebiet gibt es auch oft viel zu sehen, Plattenbau-Menschenstapelung sei dank.  Hier kann ich fast jeden Tag noch Menschen entdecken, die noch schlechter gestylt sind als ich, die schlechtere Mutter zu sein scheinen oder einfach insgesamt irgendwie abgewrackter sind. Es mag gemein sein, aber diese Entdeckungen beruhigen mich oft.

Manchmal wühlen sie mich aber auch auf.  Naja, es braucht zugegebenermaßem nicht viel, um hochsensible Personen aufzuwühlen.


Heute nun trafen wir wieder Jimmy und Trudy auf dem Spielplatz – sie waren dort abgestellt aus dem wohl gleichen Grund, warum auch wir wochenends oft planlos die Wohnung verlassen: die Eltern halten das Gewusel und Geschrei in der Wohnung nicht mehr aus, sind aber zu erschöpft um einen Besuch bei Bekannten zu machen und es erbarmt sich auch kein Bekannter, einen zu besuchen.

Jimmy mag so 7-8 Jahre sein, seine Schwester irgendwo zwischen 4 und 6. Sie wohnen im Block hinter der Spielwiese („Wäschetrockenplatz. Hunde verboten“- yeaaah) und werden anscheinend gern mal in gesundem (?) Gottvertrauen allein aus der Wohnung auf die Wiese geschickt. Dort klettern sie dann auf abgestellten Motorrädern, brechen in Tränen aus, klammern sich an Passanten, klettern gefährlich hoch auf Bäume oder sind mitunter auch höflich zu den Anwesenden.

Ich war dennoch sehr unentspannt in Betrachtung der schuhlosen Strumpfhosenbeine von Trudy und der Überlegung, ob es sich um Vernachlässigung Schutzbefohlener handelt oder ob ich nur übertriebene Gedanken hege.

Dass es langsam 16 Uhr wurde, war eine Erleichterung für mich, denn für 16.30 Uhr war die Kasperlevorstellung ausplakatiert. Das Theaterzelt war auf einem seltsamen Platz zwischen Tankstelle und Autowaschplatz aufgebaut, vielleicht war die Miete dort günstig. Der Eintritt betrug dennoch 6 euro pro Nase, egal welchen Alters.

Nun muss man sagen, dass ich den Kasper noch nie gemocht habe, jedenfalls soweit ich mich erinnern kann. Kann diesen selbstgerechten, stets verkrampft fröhlichen Gesellen einfach nicht ausstehen. Puppenspiel, Marionetten u.ä. können mitunter ganz poetisch sein, aber nicht, wenn so ein Zipfelhannes alle Nase lang „tritratralla“ brüllt und das Publikum zum Rufen animiert.

So sahen das anscheinend auch die jüngsten Zuschauer und heulten besonders oft dann, wenn „tritrallala“ mit kehliger Männerstimme gesungen wurde. Ich fühlte mich bestätigt in meiner bisherigen Auffassung, dass Kinder unter 2,5 Jahren nicht in Zirkuszelte und dergleichen gehören. (Es sei denn, sie sind taub oder besonders phlegmatisch.)

Für mich und die größere Tochter (im besten Kasper-Alter) wurde dann auch alles geboten, was man von solchen Veranstaltungen erwarten kann. Nur den kollektiven Schrecken, als der Wolf (in Gestalt einer Schäferhund-Figur) plötzlich und tatsächlich auftauchte, den hatte ich nicht einberechnet. Derart zuammengezuckt bin ich zuletzt als 12-jährige, mit Mudders im Kino bei „Independence day“, wo ein Oktopus-Alien spontan auftauchte.

Ansonsten ertrug ich tapfer Kinderpartylieder, den Pinocchiosong, die hanebüchenen Chirurgieszenen des Rotkäppchen-Märchens und wehrte Wünsche alà  „ich brauche eine zweite Zuckerwatte“ ab, zu deren Entstehung extra eine Pause nach 30min. Vorstellung eingebaut war. Der Kasper-Sprecher bot nämlich auch Capri-Sonnen, Zuckerwatten und „bunte Leucht-Feenhaare mit Prinzessin dran-Stäbe“ an.

Kurzum: mein Adrenalin-Spiegel war schon ziemlich hoch, als am Ende noch eine Überraschung angekündigt wurde, die „größte Puppe Europas, Puppe Goliath“. Das passte nicht ins Sujet und war ein verwirrender Bruch fürs Publikum. Im Anblick der „Puppe“ schmolzen jedoch die Herzen, denn es handelte sich um einen abgebrühten Wonneproppen mit roter Schleife (oder Rentierplastegeweih) auf dem Kopf.

Solchermaßen aufgekratzt, entdeckte ich auf dem Heimweg einen Pudel in Abfahrtshocke. Der Hund übte also auf einer schönen, theoretisch zum Flanieren einladenden, Wiese Skispringen. Die dazugehörige Seniorin machte keine Anstalten, ihrer Bürgerpflicht nachzukommen und das Exkrement einzusammeln, daher lief ich neben ihr her und erzählte meiner Tochter: „Da, dieser Hund hat auf die Wiese gekackt. Morgen treten wir rein. Scheiße am Schuh ist ja nicht so toll. Es gibt ja auch Leute, die die Kacke in Tüten packen. Leider machen das nur manche.“

Obwohl ich einen Meter neben ihr lief und sehr laut sprach, reagiert sie nicht merklich. Ist vielleicht auch besser, denn im direkten Schlagabtausch bin ich stets sehr unsouverän und rhetorisch unterlegen.