Posts Tagged ‘ Sozialkultur ’

Studentensmalltalk (mit Zweifeln)

Frau Huhn sagt, dass doch jede/r zwischendurch mal an seinem/ihrem Studium zweifelte. Sie zum Beispiel fragte sich oft, ob sie denn wirklich Musik hatte studieren müssen, denn die hätte sie ja auch unstudiert nebenbei machen können.
Zudem wären die universitären Proberäume ohne Fenster und man müsse in der stickigen Luft der vorherigen Nutzer rummusizieren, das ginge ja gar nicht. (Ach, Frau Huhn, du sagtest auch mal, dröger Filterkaffee ginge gaaar nicht, dein Magen rebelliere da. Wer haben jetzt ein Espressomaschinchen.)
Ich erzähle, wie mir in einem fensterlosen Archivmagazin das Wachbleiben schwer fiel, weil ich dort tagelang Fischereikonzessionen von 1800-nochwas sortierte. Dass es solche und solche Archivstudenten gibt, manche seien so langweilig, dass es nicht Wunder nähme, dass sie mit 30 noch Jungfrauen sind, andere hätten mächtige Arme vom Rudern bekommen.
Diese Aussage tut mir im Nachhinein leid, denn sie ist ganz schön gehässig. Was spannend und was langweilig ist, ist doch nicht objektiv festgelegt.

Vielleicht kann ich dem rumhaltigen Cocktail die Schuld geben, vielleicht war ich nur heftig an sozialem Anschluss interessiert, jedenfalls faselte ich ziemlich viel unqualifiziertes Zeug. Aber das gehört dazu, wenn man aus der „lieber gar nichts sagen“-Nummer raus will, nicht wahr ?

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eine Stunde Euphorie

Wann habt ihr das letzte Mal

eine Idee gehabt, die ihr für furios und umsetzungsfähig hieltet ?
Wie lange hat die Euphorie gehalten ?

– ich hatte gestern eine. Habe gleich ein Konzept gemacht, das ich mir in den nächsten Wochen langsam zerreden lassen werde. Es hat mit Onlineredaktion, Kultur und lokaler Vernetzung zu tun. Hach, wie aufregend ! Den eigenen Job schaffen und für freischaffende Künstler gleich mit ! Wat’n Traum ! und was fürn‘ Schaum !

Von Gurus, sinnsuchenden Deutschen und altindischen Geschichten

Wer sich schon immer gefragt hat, was manche Mitmenschen in Yoga-Studios, indische Bibliotheken und spirituelle Seminare treibt, findet in dem Buch „Yoga-Geschichten“ einige Antworten. Es ist im Schirner-Verlag erschienen, der sich auf Bücher spezialisiert hat, die „begeistern und das Leben ändern.“

Der Autor Bernd Balaschus berichtet darin von seiner eigenen Sinnsuche, die ihn in den 1980ern nach Indien verschlug und versucht nunmehr, dem geneigten Leser die während seiner Reisen gewonnenen Erfahrungen und Ratschläge näherzubringen. Als Herausgeberin fungiert dabei die freie Journalistin und Ethnologin Doris Iding, die dem Autor nur „kleine Kurskorrekturen“ empfehlen musste und eine schöne und fröhliche Zeit während der Zusammenarbeit mit Balaschus hatte.
Das Vorwort der Herausgeberin schliesst mit der berühmt gewordenen Formel „OM shanti“, die auch alsbald in der eigentlichen Einleitung des Buches wiederkehrt. Der Leser hat zu dem Zeitpunkt, da er das zweite Mal „OM shanti“ liest, bereits Bekanntschaft mit dem großen Wunsch der Buchschaffenden gemacht, eine Welt von allumfassender Weisheit, Friede und Gutmütigkeit zu kreieren.

Für Menschen, die nicht an die prinzipielle Möglichkeit einer von allen Übeln befreiten Welt glauben, lohnt es sich allenfalls das Buch kurz anzulesen, denn man erfährt, wie und warum sich manche Mitmenschen ins Esoterische und / oder Fernöstliche flüchten, nachdem sie bemerkten, dass der Individualisierungswahn dem „natürlichen“ menschlichen Wesen widerspricht.
Der Mensch, so führt Balaschus aus, sehnt sich instinktiv danach, etwas für ein größeres Ganzes zu tun, für „die Gesellschaft“ oder „das Göttliche“. Viele suchen an diesem Punkt nach einem Lehrer, um sich selbst zu verbessern – eine Suche, zu der der Autor keine Alternative aufzeigt. Die Hingebung zu einem Guru scheint unumgänglich. Mir erscheint sie aber auch gefährlich, denn Machtmissbrauch ist auch durch angeblich Erleuchtete und Inder möglich.

Wenn die Tat wichtiger ist, als der Lohn dafür, nennen indische Lehren das „absichtsloses Tun“, der stinknormale Deutsche würde sagen: „der Weg ist das Ziel“ und fast jeder Erwachsene hat schon irgendwann mal erlebt, wie er in einer Tätigkeit vollkommen aufging und sich sehr wohl dabei fühlte.

Balaschus bringt dem Leser anschaulich und und schlüssig gegliedert indische Weisheiten und Geschichten näher. Der Wechsel von Theorie und Anekdote sorgt für einen relativ lockeren Lesefluss. Man darf beim Lesen allerdings nicht abgelenkt sein oder zu viele kleine Pausen machen, denn die angespannten Wortgruppen („spiritueller Weg“, „vollkommene Hingebung“) verlangen eine gewisse Konzentration. Die „Yoga-Geschichten“ sind keine leichte Lektüre und von daher ein Buch für Alleinwohnende und Kinderlose.

Stutzig macht, wie der Autor zwar jede Menge Selbstkritik übt (im Sinne von „damals war ich jung, unerfahren und ungeduldig“), aber kritiklos und ohne das im Klappentext angekündigte Augenzwinkern alles Indisch-Religiöse glorifiziert.

Am Ende des Buches wird ein Guru zitiert, welcher rät, nur das zu glauben, was nach eigener Erfahrung und Untersuchung und mit dem eigenen Verstand stimmen kann. Dies scheint mir ein sehr versöhnlicher Satz zu sein, dennoch stimmt es mich traurig, dass für die im Buch erwähnten Alltagsweisheiten und Menschenkenntnisse von vielen Menschen erst fernöstliche Ratschläge eingeholt werden müssen.
Warum dieses Misstrauen in die heimischen Menschen und deren Überlieferungen ? Wenn alle Götter eins sind und alle Menschen im Grunde gleich fühlen, egal wann und wo sie leb(t)en, warum muss dann erst die heiße Sonne von Goa auf gewisse deutsche Individuen fallen, damit sie auf „das größere Ganze“ vertrauen können ?

Dies beantwortet mir das Buch nicht, auch wenn es noch so einfühlsam in Wort und Farbe gestaltet ist.

p.s.: Vielen Dank an bloggdeinbuch.de für die Vermittlung.

Ute, Alice und Basteln, Wahnsinn

Da mein Kopf ja dezembervoll ist, habe ich keine Muse zu planvoll-gewähltem Schreiben. Das Folgende fällt darum wohl unter „assoziatives Schreiben“.
Vorhin habe ich über Ute und Alice nachgedacht und mich gefragt, ob man denn zugleich wahnsinnig sein könne und akkurat basteln können könnte.
Der Wahnsinn ist ja nicht zwangsläufig negativ konnotiert. Der „fröhliche Verrückte“ ist schließlich ein beliebtes und gemochtes Theatermotiv. Auch diese alltäglichen Verrückten taugen klasse zum Smalltalken.

Aber ist es denn möglich, im versponnenen Zustand Tulpengirlanden auszuschneiden oder ein Fenster in einen Bogen Papier zu drechseln ? Und beides dann sinnvoll zusammenzuführen ?

Ute hatte das gemacht und ich glaube, sie spinnt gar nicht. Dabei steht hinten an ihrem Auto:

CLOWNS   – wobei das O eine rote Nase war.

Wie die so auf Knopfdruck komisch sein wollen, das mag ich an Clowns nicht. Das ist doch Komik, die nur bei Leuten funktioniert, die sich keine Hintergedanken machen. Die den festen Entschluss haben, sich genau jetzt, wenn die Rotnase reinkommt, zu amüsieren.

Ich bin ja mehr für Situationskomik. Trotzdem will ich am Samstag die Alice besuchen. Ihre Flyer waren schon überall da, wo ich meine vom Lebendigen Adventskalender ablegen wollte. Ich war noch bei keinem einzigen Türchen, wie erbärmlich, aber der Weg ist so weit und der Wind heult so grell..

Gutmenschen, rosa Halstücher und Projektmenschen (II)

An Tag 2 traf ich einen Projektmenschen, der vorher „Jungenarbeit“ betrieben hatte und davon schwärmte, mit großen Kindergruppen öffentliche oder auch Naturräume zu stürmen(und wieder weg zu sein, bevor sich jemand darüber beschweren könne). Die anwesenden drei Herren waren sich einig darüber, dass es cool sei, nicht mehr benötigte Autos auseinander zu bauen und daraus Skulpturen zu fertigen oder die Wracks mit Lichtern drinne als Deko für Veranstaltungsplätze  zu benutzen.

Da wären Recycling und sozialkulturelle Jugendarbeit vereint, eine nicht so neue, aber weltverbessernde Idee. Der kumpelige Projektmensch überzeugte mich zudem durch seinen jenensischen Dialekt – wer aus der nettesten Wissenschaftsstadt Mitteldeutschlands kommt, muss ein goldenes Herz haben, haaach.

Er trug am Arm ein Festivalbändchen, dazu Turnschuhe, Jeans und Streifenhemd. Er komme mit der Umstellung auf Büroarbeit nicht ganz klar, sagte er, sein Metier sei eher, draußen rumzuzappeln.

Doch Büroarbeit ist wichtig: ohne Büro keine coolen Projekte, ohne Projekte keine Gutmenschen mit Werkverträgen, die Geld fürs Organisieren und Präsentieren erhalten.

An Tag 3 der Gutmenschenwoche betrat ich eine VoKü für ästhetisch anspruchsvollere. Ich nahm, mangels anderweitiger Betreuung, beide Kinder mit und war reichlich nervös vorher, aber das stellte sich als unnötig heraus, waren doch von 26 Anwesenden 12 Kinder. Ich aß daher lecker und entspannt wie lange nicht mehr (ausserhalb von Wohnungen), es gab spanischen Biowein aus bombastischen Gläsern und ich schenkte mir ungeniert ein, galt es doch, einen stressigen Fussmarsch vom Neuen Palais bis etwas hinters Schloss Charlottenhof zu verdauen. Der Weg ist schön und ich brauche alleine 18 Minuten dafür. Mit den Kindern dauerte er allerdings 48 Minuten und hatte disziplinierend-charakterformende Ausmaße.

Raum und Mobiliar des Familienschmauses waren aus Projektmitteln finanziert, die Veranstaltung ist aufgrund der Iniative von Gutmenschen entstanden, alle sind sich in der Grundhaltung „Kunst ist gut, Bürgerpartizipation ist gut, das Großkapital ist schlecht“ einig. Nur über den Veganismus, da konnten sie sich nicht einigen. Während lange vorher rumgetratscht wurde, die Köchin hätte einen veganen Anspruch, musste ich kurz vorher Kuhmilchprodukte auf dem Küchentisch entdecken.

Naja. Man muss die Weltverbesserung eben in kleinen Schritten angehen.