Posts Tagged ‘ Studium ’

der eigentliche Höhepunkt

Es ist zwanzig Minuten vor Geburtstag und ich gehe die Breite Straße entlang. Ich fühle mich zehn Jahre jünger, obwohl ich doch so bald ein Jahr älter werde. Offiziell – aber das Offizielle ist ja nicht das Eigentliche.
An dieser Straße habe ich vor sieben oder acht Jahren gewohnt und zwar in der unsanierten Platte hier rechts neben mir. Da, wo die beiden Körper gerade rausgerannt kommen. Ha ! Zwei nackte Typen, einer schlank, einer korpulent. Dass ich das nochmal miterleben darf !
Links ein Jever in der Hand, rechts ein Grinsen im Gesicht sehe ich zu, wie die vermeintlich mutigen Studenten von rechts nach links über die Breite Straße und von links nach rechts ins Wohnheim zurück flitzen.
Schon klar, dieses Nacktlosrennen ist ein alter Hut, ein Klassiker unter Studentenscherzen sozusagen, aber wie hoch war denn die Wahrscheinlichkeit, dass genau dann, wenn ich da entlangkomme, sich zwei denken: „Los, wir machen’s einfach!“
Ich freu mich.
Wem ist auch schonmal jemand übers Blickfeld gelaufen, der oder die sich einen Kick geben wollte ? (deshalb machen die das doch, oder? um sich kurz zu verbedeutsamen?)

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3 Alpträume in 10 Stunden

„Ich bin zu spät. Habe verschlafen. Zehn Stunden geschlafen. Hätte auch drauf verzichten können.“
Chef: „Weil du dann auch die Kinder zu spät in die Kitas gebracht hast?“
ich: „Nee, die wurden schon weggebracht. Aber mich hat danach keiner geweckt, sodass ich noch einen dritten Alptraum haben konnte.“
Chef: „tsss.. Hilf doch erstmal Frau Huhn beim Laubharken.“

Gemacht. Dass Frau Huhn eine der most charming persons ever ist, hatte ich schon mehrfach erwähnt. Es gelingt mir, sie neidlos zu bewundern.
Ich vergaß meine Traumschrecken eine Weile. Aber es war alles so intensiv, dass ich trotz zu spätem Aufstehens erstmal eine Tasse Kaffee und 20min. Zeitunglesen brauchte, um in die Realität zu kommen.
Den zweiten Traum habe ich vergessen, aber er war mindestens so schrecklich wie der erste und der dritte. Jedoch ist das Menschenhirn so gestrickt, dass es primär den Anfang und das Ende abspeichert und erinnert – das habe ich als Grundschülerin in einem Zauberkasten gelernt, da stand im Beiheft, man solle die besten Zaubertricks deshalb am Anfang und am Ende machen.

In Traum 1 machte ich eine Schulfahrt und wusste längst, dass die verwendete Zugstrecke großer Murks ist, schließlich war die Endstation noch 7km von der Zielstadt entfernt. Wir gingen zwischen zwei Bahndämmen entlang, als von rechts Gefahr kam. Die meisten kletterten den linken Damm hoch, wo oben Gleise und Stromleitungen waren. Ich stand beobachtend, bis irgendwie Feuer ins Spiel kam, dann kletterte ich auch hoch und riss mir die linke Hand halb auf. An so Dornenranken und an der Handstelle, wo ich seit ein paar Echttagen einen Grind habe, von irgendeiner Lapidalienverletzung.
Um mich herum nur Panik und Verletzungen, weil eben Zeitdruck und Ratlosigkeit durch die nachrückende Gefahr war.
Aber ich erlebte auch noch mit, wie Krankenwagen und Feuerwehr kamen und die schwerer verletzten Mitschüler abtransportierten. Puh.

Im dritten Traum musste ich Hunger und Durst leiden, weil ich zu langsam und zu leise sprach – sehr leicht zu entschlüsseln.
Da war so eine Gasthoftante, die von mir eingeschnappt war, weil ich sagte: „Dann nehme ich eben KEINEN Kaffee, sondern…“ und sie schon EINEN Kaffee machte, weil sie mich schlecht verstand und der Satz zu lang war. Darum gab es für mich gar nichts mehr, bis ich nach 24 Stunden vor Durst und Hunger so jammerte, dass es diese Pensionsfrau erweichte. Das Ganze war auch wieder eine Fahrt, diesmal aber aber auch mit Familienmitgliedern..

Naja. Jedenfalls erwähnte ich am Nachmittag, dass ich Alpträume gehabt hatte und meine Tochter wandte dann astrein die Strategie an, die ich bei ihr versuche, wenn sie ungünstige Angewohnheiten hat oder sich in irgendwas reinsteigert: „Vergiss doch die Träume einfach, guck mal lieber hier und denk da dran!“ – ich sah auf ihre Zeichnungen. Mädchen mit langen blonden Haaren. Mädchen mit langen blauen Haaren. Rosa Wiese, weil kein Grün da war. Aha. Viel bunter als schlechte Erinnerungen, in der Tat.

Lieber eine gute Erinnerung:
gestern hat sich echt einer gefreut, mich wiederzuerkennen. Bei mir machte es aber lange nicht Klick, weil er damals (Anfang März) eine Kapuze aufhatte, die sein lustiges Zöpfchen verbarg. Damals dachte ich: ey, voll der subversive Eigenbrötler, spricht bestimmt nicht viel mit Leuten und so.
Gestern stellte er sich als Asta-Sozialpolitik-Referent vor und redete viel und entschlossen. Na, zumindest das ’subversiv‘ stimmte ein bisschen. Der hatte so einen Style, der ausdrückte: „gegen die heteronormative Geschlechterdualität“. Das sprach mich an, da hat mensch weibliche Niedlichkeit gepaart mit männlicher Entschlossenheit.
Ich lieh mir sogleich eine Emma Goldman – Biografie aus.

Studentensmalltalk (mit Zweifeln)

Frau Huhn sagt, dass doch jede/r zwischendurch mal an seinem/ihrem Studium zweifelte. Sie zum Beispiel fragte sich oft, ob sie denn wirklich Musik hatte studieren müssen, denn die hätte sie ja auch unstudiert nebenbei machen können.
Zudem wären die universitären Proberäume ohne Fenster und man müsse in der stickigen Luft der vorherigen Nutzer rummusizieren, das ginge ja gar nicht. (Ach, Frau Huhn, du sagtest auch mal, dröger Filterkaffee ginge gaaar nicht, dein Magen rebelliere da. Wer haben jetzt ein Espressomaschinchen.)
Ich erzähle, wie mir in einem fensterlosen Archivmagazin das Wachbleiben schwer fiel, weil ich dort tagelang Fischereikonzessionen von 1800-nochwas sortierte. Dass es solche und solche Archivstudenten gibt, manche seien so langweilig, dass es nicht Wunder nähme, dass sie mit 30 noch Jungfrauen sind, andere hätten mächtige Arme vom Rudern bekommen.
Diese Aussage tut mir im Nachhinein leid, denn sie ist ganz schön gehässig. Was spannend und was langweilig ist, ist doch nicht objektiv festgelegt.

Vielleicht kann ich dem rumhaltigen Cocktail die Schuld geben, vielleicht war ich nur heftig an sozialem Anschluss interessiert, jedenfalls faselte ich ziemlich viel unqualifiziertes Zeug. Aber das gehört dazu, wenn man aus der „lieber gar nichts sagen“-Nummer raus will, nicht wahr ?

Arroganz in der Volkshochschule

Volkshochschule 1

Mit euren Mäppchen geht ihr Zeichnenlernen
eure Ambitionen sollen von der Hausweile ablenken
Vom faden Leben im Büro und den Elternabenden :
Hier, glaubt ihr, ruft das kreative Abenteuer !

Malreise in die Toskana: Aquarelle von Klostern
und zu Hause, wenn ihr mutig seit, die Tochter zeichnen

Mit euren Mäppchen sinniert ihr im Laienkurs
ein Austausch über Variablen und Gleichungen
Geht eure Rechnung auf ?
Macht das Zeichnen erfüllt ?
Oder ist es mutlos beruhigend ?

Volkshochschule 2

Ich erfuhr vom *Werteverzehr* der Dinge
und die Dinge wurden Zahlwerte
In meinem Kopf entstanden Geschichten
und das Blut floss darin und spritzte

Im Nebenraum tönten Frauen wie Gebärende
und ihre Töne klangen nach Blut und Schleim
Einführung in die Meditation im Nebenraum
und der Flur war voller Toskana-Aquarelle

Einmal, in der Kirche in Brehna
war H.R.Giger neben Encausticwerken alter Damen.


*Werteverzehr = AfA = Abschreibung für Abnutzung*

Warum man besser Kopfhörer dabei hat

Dafür hatte ich zwar schon mal eine ausführliche Beispielerklärung, die das Fokussieren durch Musikhören pries –
aber hier noch zwei weitere Situationen, in denen sich die Mitnahme eines Musikabspielgerätes als praktisch erwies.


Ich saß am frühen Abend im Bus und der war sehr voll, weil der Bus Studenten abtransportiert, aber eben auch meine Strecke abfährt, als ich vom Familienschmaus kam. Das Kind schlief vorm Bauch, das andere in der väterlichen Wohnung und mein Hirn war auf Standby. Ich sehnte mich nach Ruhe und fummelte die Kopfhörer rein. Ich höre zu Hause im Bett auf Lautstärke 1 (von 30), in der Tram auf Stufe 10-15 und das reicht eigentlich aus. Ich achte auch immer penibel darauf, nicht so laut zu drehen, dass Musik für Mitmenschen mitzuhören wäre.
Aber an diesem Tag reichte Stufe 15 nicht aus und Stufe 16 auch nicht, denn Mensa-Man stand im Gang und erzählte einigen jungen Männern von den interkulturellen Problemen bei der Anbahnung eines Dates mit einer Türkin. Er machte das recht sachlich-kompetent und es wäre vielleicht ganz unterhaltsam gewesen, wenn man denn in dem Moment unterhalten werden gewollt hätte.
Da ich aber das Gefühl hatte, kein Neues mehr erfahren zu wollen, drehte ich lieber die altbekannten Lieder (derer ich 460 im mp3-Spieler habe, die mir langsam zum Halse raushängen) noch lauter, bis ich an einem Punkt war, wo noch lauter schmerzhaft geworden wäre, Mensa-Man aber immer noch zu hören war.


Das war ein bisschen ärgerlich. Eine schönere mp3-Spieler-Episode hatte ich diese Woche, als ich mich in einem Anflug von Nostalgie und Paarungsbereitschaft neben einen 17-jährigen drängelte und diesem unverhohlen aufs Display und auf den Runenring starrte. Ja, das hört sich seltsam an und das war es auch !
Es war in einer der neuen Variobahnen, wo bekanntlich stets Sitzplatzmangel ist und der Azubi (erkennbar an der Arbeitskleidung) sowie eine Dame mittleren Alters saßen zunächst so, dass der mittige Platz halb blockiert war. Und hier nahm ich all meinen Mut zusammen, um gestisch um Freimachung zu bitten, mich dann eben dazwischen zu quetschen.
Dadurch hat der Mut dann nicht mehr gereicht um z.B. zu fragen: „Du, sag mal, was steht da auf deinem Ring, zeig doch mal !“ oder auch:“ Lese ich da Sargeist auf deinem Musikgerät ? Die sind doch gar nicht odinistisch ?!“ Oder gar: „Wohnst du noch bei deinen Eltern ? Was sagen die zu deinem Viking-Nerdismus ?“ (na, das hätte man besser formulieren müssen!)
Diese und noch mehr Optionen durchspielend war ich sehr aufgeregt und hatte meine Kopfhörer abgenommen, um voll und ganz meine Jugenderinnerungen auszukosten, indem ich dem zu laut gestellten Metal-mit-Akustikpassagen des Nebensitzers lauschte.


Ach, diese Individualisierungsmöglichkeiten durch moderne, kleine Abspielgeräte und Kopfhörer, toll !

Grübeln über Wesenszüge: Mensa-Man

Heute morgen wollte ich mir ein belegtes Brötchen in der Mensa kaufen, geriet aber in eine peinliche Konfrontation. Und ins Grübeln, was für ein psychisches Problem der Hauptprotagonist wohl hat.

Ich war also zehn Minuten vor Öffnung des Ausgaberaumes vor Ort, was ich aber erst im Mensa-Saal stehend bemerkte. Verwundert blieb ich in der Leere stehen und überdachte meine Optionen, da sprach mich einer von der Seite an. Und sprach und sprach und achtete nur selten auf meine Augen.

Also sprach wie auswendig gelernt in politisch besänftigend-neutralem Ton. Ich ließ mich darauf ein, da zum Einen eine Lücke im Zeitplan war und zum Anderen ich immer an kleinen östlichen Ländern interessiert bin – und er Werbung für einen Themenabend machte, bei dem vier Aserbaidschaner reden sollten.

Er redete also ohne Scheu. Ich warf ein paar Sachen aus meinem löchrigen Geografie/Politik-Wissen ein und er antwortete in der Art „ja, es ist natürlich kein Land ohne Probleme, aber es soll nicht so ein Kritik fokussierter Abend werden“, wobei er völlig ignorierte, dass ich gewisse Begriff unkorrekt brachte („Berg Karrasch“ statt Karrabach z.B.) .

Jedenfalls hatte ich den Eindruck, es mit einer 30-jährigen Jungfrau zu tun zu haben, der kein Wässerchen trübt und am liebsten unter Gleichgesinnten ruhig über Fakten und Strategien plaudert.

So gut, so lahm.

Dann aber ging die Tür auf und zwei sportlich-hippe Menschen kamen rein, einer weiblich, einer männlich, beide locker-erfolgreich wirkend. Der mögliche Sportstudent setzte sich auf den Tisch, auf dem der mögliche Politikstudent seine A2-Format-Plakate platziert hatte.

Und das war zu viel für Mensa-Man. Abrupt wendete er sich von mir ab und herrschte die Hippen an: „Das ist ein Tisch ! Stühle sind zum Sitzen da ! Aus welchem Institut kommt ihr ? Hä ? Sprech ich chinesich oder was ?! Aus welchem Institut…“

Die Hippen sahen ihn entgeistert an. Ich sagte: „Du musst dich doch nicht so aufregen…“ und er fluchte weiter: „Ihr seht doch, dass ich hier Werbung verteile ! Was soll das ?? *grummel, keif, brüll*“

Die Sportlichen fingen an zu grinsen, ich beschloss meine restliche Wartezeit auf dem Klo zu verbringen. Ganz so viel Fremdschämen muss ja nicht sein.

Als ich wiederkam, standen schon 4-7 Zuschauer um Mensa-Man, der immernoch in Aufregung war, und feixten. Mensa-Man fehlte anscheinend die Möglichkeit der realistischen Selbsteinschätzung. Er glaubte sich wohl als Authorität und bemerkte nicht, dass er sich nur zum Gespött machte.

Warum nur ? Was ist sein Grundproblem ?

Gutes tun


Gutes tun ist gar nicht schwer und es muss nicht völlig uneigennützig sein.

Nach all dem Lesen von freundlich lächelnden Passanten und auch nach den paar Malen, da Dinge aufbewahrt wurden, die mir aus den Taschen gerutscht waren, kam heute die Gelegenheit, mich zu revanchieren.

:    ich saß in einer Tram, die (man staune!) fast ganz leer war, und sah so vor mich hin, da stieg der Herr Student aus, der bis dahin vertieft in Aufzeichnungen gewesen war. Er ging zwei Schritte, blickte wieder in die Aufzeichnungen, bekam dann eine Eingebung, ging zurück zur Tramtür und drückte den Öffnen-Knopf..

Aber wie das so ist: dem Fahrer war das wurst und die Bahn fuhr weiter. Der studentene Leserich biss sich auf die Lippe und trat grummelnd weg. Mir wurde klar: er musste etwas liegen gelassen haben.

Es war nichts von weitem Sichtbares, sondern eine schmale Mappe in grau-transparent.

„Steck sie ein, wie spannend!“, fauchte einer in mir.

„Wie sieht das denn vor den paar Mitfahrern aus, wie Diebstahl!“, zischelte ein anderer.

„Quatsch, das is ne gute Tat, bring es ins Fundbüro- wenn es liegen bleibt, dann kommen vielleicht destruktive Jugendliche oder ein rücksichtsloser Alki schmeißt die gesammelten Mitschriften weg.“, sprach der in mir, auf den schliesslich hörte.

Aber einfach ins Fundbüro bringen.. was wenn der Typ da nie hingeht ? Weil er vielleicht Pessimist ist, obwohl er nicht so aussah  ?

Und muss die Finderin die eigene Neugier ignorieren ?!

Nee: in der Mappe waren Aufzeichnungen aus einem Studium der sozialen Arbeit. Ich hatte also Recht mit „den Typen hatte ich schonmal an der FH gesehen.“ Leider finde ich den Herren langweilig (und seinen Schriftstil auch, sieht viel zu ordentlich und ehrgeizig und choleriknah aus), sonst wäre das ein prima Kennlernanlass gewesen: in der Mappe fand ich  nämlich auch seine Anschrift und hey: in der Straße habe ich vorher auch gewohnt, hinfinden und vorbeibringen wär also kein Problem.

Ich werde die Mappe in den Briefkasten schieben. Moment, sind die Kästen dort nicht im Haus ? Na, Klingeln werde ich nicht, den Überschwang der Dankbarkeit muss ich nicht erleben..